Infobrief Nr. 484 (39. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Rhetorik der Wiedervereinigung

Lear 21 in der Wikipedia auf Englisch [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Der Tagesspiegel stellt ein Buch der Medienwissenschaftlerin Anne-Kerstin Tschammer vor, das den Titel Sprache der Einheit trägt und pünktlich zum Jubiläum der Wiedervereinigung erschienen ist. Tschammers mehr als 800 Seiten dicke wissenschaftliche Studie stellt die Frage, wie sich die Wiedervereinigung sprachlich herausgebildet hat. Sie untersucht insbesondere die Reden jenes für die politische Gegenwart so bedeutsamen Zeitraumes und zeigt, dass die Wiedervereinigung auch ein großer rhetorischer Erfolg war, zum Beispiel Helmut Kohls Rede am 19. Dezember 1989 vor den Ruinen der Dresdner Frauenkirche, die „die Gemeinschaft der Deutschen und damit die deutsche Einheit rhetorisch“ herstellte (siehe unten). (tagesspiegel.de, mdr.de)


Bedrohte Debattenkultur

Der frühere Bundespräsident Hans Joachim Gauck hat sich im Focus für mehr Toleranz und bessere Debattenkultur ausgesprochen. „Auch linksliberale Meinungsführer müssen lernen zu tolerieren, dass Teile unserer Gesellschaft anders ticken, anders denken, anders sprechen, auch wenn dies bei liberalen Eliten Kopfschütteln, Ratlosigkeit und Ablehnung hervorruft“, sagte Gauck. Besonders trage zur Intoleranz übertriebene und verordnete Politische Korrektheit in der Sprache bei: „Wenn man die deutsche Sprache unbedingt einer erhofften gesellschaftlichen Entwicklung anpassen will, kann das schnell zu Übertreibungen führen, die von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt werden.“ Er nannte das „Neusprech‟ und „betreutes Sprechen“.

Aus diesem Anlass sei auf die Ausgabe 79 der Sprachnachrichten verwiesen, die sich ebenfalls mit diesem Thema befasst. (tagesspiegel.de, vds-ev.de)


Führungswechsel beim Goethe-Institut

Die Mainzer Ethnologin und Afrika-Spezialistin Carola Lentz soll neue Präsidentin des Goethe-Instituts werden. Lentz forschte zu Beginn ihrer Karriere in Südamerika. Sie ist in den letzten Jahrzehnten regelmäßig in Westafrika tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Nationalismus, Kolonialismus und Erinnerungspolitik. Sie folgt in dem Amt auf Klaus-Dieter Lehmann, der seit 2008 Präsident ist. Nach Jutta Limbach ist sie die zweite Frau an der Spitze des Kulturinstituts. Derzeit gibt es 157 Institute in 98 Ländern. 2018 besuchten allein rund 244.000 Menschen die Deutschkurse des Instituts im Ausland. (br.de)


Vertauschte Rollen

In der Schweizer Bundesverwaltung sowie im Parlament durften Mitarbeiter und Abgeordnete am 26. September ihre Kenntnisse der Schweizer Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch beweisen. Dabei ging es jeweils um diejenige, die nicht ihre Muttersprache ist. Zum Tag der Mehrsprachigkeit waren sie angehalten, die normalerweise dominierende deutsche Sprache zur Minderheitssprache und die lateinischen Sprachen der Schweiz zur Mehrheit werden zu lassen. Das interessante Projekt führte dazu, dass während (interner) Sitzungen jeder in einer anderen Amtssprache sprach, in der Mittagspause wurden Sprachtandems gebildet oder Telefonanrufe in einer anderen Amtssprache geführt. (vaterland.li)


Oberfränkisches Wort des Jahres

Nach über 3000 Einsendungen ist die Entscheidung für das oberfränkische Wort des Jahres nun auf das Wort „Sternlaschmeißer“ gefallen. Auf Hochdeutsch bedeutet das „Wunderkerze“. Der oberfränkische Begriff habe die Jury überzeugt, da er durch die bildliche Beschreibung das Gemeinte viel anschaulicher als das hochdeutsche Wort beschreibe, so Oberfrankens Bezirkstagspräsident Henry Schramm. Seit fünf Jahren kürt der Bezirk das oberfränkische Wort des Jahres. Im vergangenen Jahr war die Entscheidung auf das Wort „derschwitzen“ gefallen, was so viel bedeutet wie „durch Schwitzen zugrunde gehen“. (merkur.de)


2. Unser Deutsch

Theologisches

Dies ist ein Rückblick auf florierende evangelische Kirchengemeinden, als der Pfarrer noch die meisten Schäfchen kannte, sie getauft, konfirmiert und verheiratet hat. Auch auf jene fleißigen Helferinnen, die das Gemeindeleben mit ihrem Glauben, ihrem Beistand und auch mit kritischer Kontrolle erfüllten. In aufgeklärten Pfarrhaushalten wurde aber auch gewitzelt, nicht böswillig, nicht zynisch, aber doch sozusagen als kleiner Befreiungsschlag gegenüber jenen Glaubensschwestern, die in ihrer Fürsorge gelegentlich etwas lästig wurden. Unter den Pfarrerskindern wurden sie als Talarwanzenoder Kanzelschwalbenverspottet.

Wir schauen, wie der kritische Effekt entsteht. Da ist einmal der Tiervergleich, hier die unangenehmen Wanzen, dort die agilen Schwalben. Der Talar steht hier metonymisch für seinen Träger, ebenso die Kanzel, der Ort seines bevorzugten Wirkens. Es ist die doppelte Form des Anderssagens, die Kombination aus Metapher und Metonymie, welche die Wirkung erzielt. Wir sehen in diesen Bildern die meist älteren, nicht selten unverheirateten oder verwitweten Frauen, die den Pfarrer durch ihren Glaubenseifer beeindrucken wollen, sich in seinem Amt unentbehrlich zu machen suchen, indem sie sich beim Herrn im Talar einnisten oder ihn umflattern. Diese Nähe war Teil der Kommunikationskultur in der Gemeinde. Heute mögen wir sagen: ein Stück heile Welt.

Ein drittes Spottwort ist der Glaubensknopf, die bevorzugte Haartracht gläubiger Frauen, auch Dutt genannt. Der Haarschopf wird oben beziehungsweise im Nacken zu einer Kugel, eben zu einer Art Knopf gebündelt. Dies ist auch als Verweigerung modischer Haarpflege zu verstehen, die gar der Sünde nahesteht. Glaube im Glaubensknopf steht hier für den gläubigen Menschen darunter. Und der Knopf, ein typisch weibliches Utensil, ist hübsche Metapher für das Knäuel auf dem Haupte.

Diesen Knopf findet man heute bei alternativ gesonnenen Männern, die damit ihre Distanz zum bürgerlichen Haarschnitt demonstrieren. Überhaupt übermittelt die Haartracht oftmals eine ideologische Botschaft, ist Protest wie bei den Langhaarigen der Woodstock-Generation oder bei den Beatles, deren Schöpfe damals Aufruhr signalisierten, heute aber geradezu niedlich aussehen. Dann der Irokesen-Look, dieser gestylte Rest inmitten einer Mannes-Glatze. Auch das ein Signal: Ich bin anders, ich bitte um Aufmerksamkeit, gefälligst.

Und schließlich die Bärte: ein Universum der Kulturgeschichte. Denken wir nur an den viktorianischen Backenbart Wilhelm I., noch heute Kaiser-Wilhelm-Bart genannt, oder den gezwirbelten Schnäuzer unseres letzten Kaisers, an die Vollbärte gläubiger Muslime und natürlich den Drei-Tage-Bart des modernen Mannes. Solange Haupthaar und Bärte wachsen, werden sie immer neu gestylt und sind Symbol ihrer Zeit.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Wissenschaftliche Preise

Die Zeitschrift Forschung & Lehre des Deutschen Hochschulverbands veröffentlicht eine lange Liste von wissenschaftlichen Preisen,die im Oktober verliehen werden, darunter auch den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache an den Sprachwissenschaftler Professor Peter Eisenberg em., eine mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung von der Eberhard-Schöck-Stiftung und dem Verein Deutsche Sprache e.V. (forschung-und-lehre.de)


Ein Tag mit deutscher Musik

Der Radiosender NDR1 aus Niedersachsen hat den vergangenen Feiertag mit einer musikalischen Aktion untermalt. Passend zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober wurde zwölf Stunden lang ausschließlich deutsche Musik gespielt. Unter dem Motto „Die Musik meines Lebens – einfach mal nur Deutsch“ präsentierte NDR1 Niedersachsen die breite Vielfalt deutschsprachiger Musik. Von Schlager über Deutsch-Pop bis hin zu den großen deutschen Klassikern der Musikgeschichte war alles dabei. (ndr.de)


4. Ankündigungen

Filmvorführung „Thüringen, deine Sprache“

VDS-Mitglied Gerald Backhaus wies uns auf die anstehenden Vorführungen seines Films „Thüringen, deine Sprache“ hin, der an verschiedenen Orten in Thüringen und Umgebung zu sehen sein wird. Eine Einladung an jeden, der sich für Dialekte und Mundarten interessiert.

Eisenach: 6.10.2019, 17:30 Uhr, Capitol Eisenach
Heiligenstadt: 11.10.2019, 19:30 Uhr, Kino im Alten Rathaus
Suhl: 13.10.2019, 17:30 Uhr, Cineplex Suhl
Ringleben: 19.10.2019, 15:00 Uhr, in der Kirche (im Rahmen der Kirmeswoche)
Gotha: 27.10.2019, 17:30 Uhr, Capitol Gotha
Naumburg: 3.11.2019, 17:30 Uhr, Cineplex Naumburg

(thueringer-allgemeine.de, weimar.de)


5. Denglisch

Denglisch mit Friedrich Schiller

VDS-Mitglied Peter Wagner macht uns auf eine Ausstellung im Literaturarchiv Marbach aufmerksam, die veranschaulicht, wie Schriftsteller vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, von Friedrich Schiller über Felicitas Hoppe bis Theresia Enzensberger, ihre individuellen Schreibweisen entwickelt haben. Gezeigt werden Schreibübungen, Schulhefte, erste Gedichte und Briefe, die die Aufmerksamkeit auf den Schreibakt lenken sollen. So weit, so schön. Wer aber auf die Idee gekommen ist, der Ausstellung den Titel „Hands on!‟ zu geben, hat sich wahrscheinlich kaum mit dem Thema und der Zielgruppe auseinandergesetzt. Oder kaschiert hier ein fetziger englischer Titel Schwächen bei der Ausstellung der Exponate?


Diskussion über schulische Lehrpläne

Für Abiturienten wechseln die Lehrpläne alle drei bis vier Jahre, „um über die Jahre hinweg die ganze Breite der Fächer im Abitur berücksichtigen zu können“, erklärt das Schulministerium. In Nordrhein-Westfalen hat man sich nun dazu entschieden, Goethes Faust aus dem Lehrplan für das Fach Deutsch zu nehmen, was auf Widerstand stößt. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, ist fassungslos und betont, dass Schule die Aufgabe habe, kulturelle Identität zu vermitteln – da gehöre ein Werk wie Faust unbedingt dazu. Auch Meidingers Vorgänger Josef Kraus kritisierte vor sieben Jahren bereits, dass Bildung nicht mehr als kultureller Akt verstanden werde, sondern als reine Informationsentnahme. „Heute geht es um Download-Knowledge und Just-in-Time-Knowledge, statt um vertiefte Allgemeinbildung.“ (news4teachers.de)


6. Termine

5. Oktober, Region Dänemark
Konferenz: Sprachen und Mundarten im deutsch-dänischen Grenzgebiet
Zeit: 9:00 – 16:00 Uhr
Ort: Askov Højskole, Maltvej 1, 6600 Vejen, Dänemark

9. Oktober, Region 52 (Aachen)
Mitgliederstammtisch
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Soers, Krefelder Straße 86, 52070 Aachen

10. Oktober, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:00 – 18:00 Uhr
Ort: Gaststätte Tante Jenny, Schiffbrücke 12, 25813 Husum

10. Oktober, Region 58 (Hagen/Ennepe-Ruhr/Mark)
Mitgliedertreffen mit Vortrag zur Auffassungsgabe von Migranten sowie Neuwahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Kath. Gemeindehaus St. Philippus und Jakobus, Wetterstr. 15, 58313 Herdecke

10. Oktober, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim

10. Oktober, Region 28 (Bremen)
Vortrag von Henryk M. Broder: Gender und andere Irrlichter
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Hotel Strandlust, Rohrstr. 11, 28757 Bremen

14. Oktober, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

17. Oktober, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Gaststätte Kaiser-Treff, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

21. Oktober, Region Österreich (Wien – Verein Muttersprache)
70-Jahr-Feier Verein Muttersprache
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Magistratisches Bezirksamt, 3. Bezirk, Karl-Borromäus-Platz 3, 1210 Wien, Österreich

28. Oktober, Region 50/51 (Köln)
Vierteljährlicher Stammtisch
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

7. November, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen / Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.