Infobrief Nr. 485 (40. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Englisch nach dem Brexit

Bild: pixabay / SkitterphotoPixabay-Lizenz

Die Briten mögen zwar die EU verlassen, hinterlassen jedoch ihre Spuren. Die englische Sprache wird in den Institutionen der EU in Brüssel wohl die Umgangssprache bleiben. Das erscheint kurios, weil nach einem Brexit kein Mitgliedsland auf Englisch als Amtssprache bestehen würde. Irland hat Irisch, Malta Maltesisch angemeldet. Die offiziellen Arbeitssprachen der EU-Kommission sind aber Deutsch, Französisch und Englisch. Nach Angaben des Übersetzerdienstes der Kommission werden die meisten Vorlagen heute in Englisch geliefert – im Gegensatz zu früher, als in den meisten Fällen die Vorlage erst aus einer anderen Sprache ins Englische übersetzt werden musste. Die englische Sprache bleibt also, jedoch wird sie sich verändern. „Es ist eine abgewandelte Form des Englischen, wo sich auch Begriffe, die in England nicht unbedingt verstanden werden, etabliert haben“, sagte der EU-Abgeordnete Daniel Freund. Auch die Forschungen des italienischen Sprachwissenschaftlers Marko Modiano unterstützen diese Vermutung: Er berichtet, dass Europäer beim Englischsprechen dazu neigen, neue Sprachbilder oder grammatikalische Neuerungen zu erfinden, Konjunktionen zu nutzen, die nicht nötig wären, oder auf Artikel verzichten. Diese abgewandelte Form des Englischen, die auf Konferenzen und Tagungen in Brüssel gängig ist, nennt sich EUrisch oder EUglish. (dw.com)


Generisches Maskulinum neu entdecken

In der Neuen Zürcher Zeitung ruft René Scheu dazu auf, das Projekt der gegenderten Ausdrucksform zu begraben – und die Sprache ihren Benutzern zurückzugeben. Wer sich öffentlich äußert, müsse heutzutage auf der Hut sein, sagt er und verweist auf die Klage der Gemeinderätin Susanne Brunner aus Zürich, die sich durch sprachpolizeiliche Maßnahmen in ihrer politischen Arbeit behindert sieht (siehe vds-ev.de). Der Verfasser erklärt den politischen Kurzschluss, dass Gleichstellungspolitik über Sprachregelungen läuft. „Wer es mit gesellschaftlicher Gleichstellung ernst meint, muss mit sprachlicher Gleichberechtigung beginnen.‟ Dabei sei es genau umgekehrt. Es stimmt zwar, dass Frauen bis vor einigen Jahrzehnten in vielen gesellschaftlichen Bereichen seltener vorkamen, aber nicht aufgrund mangelnder Wortformen, sondern wegen sozialer Konventionen. Wer Sprache per Dekret verbietet, ändert dadurch nicht die soziale Wirklichkeit. Es sei an der Zeit, das generische Maskulinum neu zu entdecken, weil es niemanden aus-, dafür aber alle einschließt.

Das sieht auch VDS-Geschäftsführer Holger Klatte so, den das Jugendmagazin Zeitjung interviewt. Das Genus Maskulinum erfülle häufig die Funktion, dass es Personen benennen kann, ohne über das Geschlecht dieser Personen etwas auszusagen. „Dieses Prinzip ist so eng mit der Grammatik der deutschen Sprache verwoben, dass man es nicht einfach durch ein paar neue Regeln abschaffen kann‟, so Klatte. (nzz.ch, zeitjung.de)


Das schönste deutsche Wort

Das Sprachmagazin „Deutsch perfekt“ hat den Begriff „Gemütlichkeit“ zum schönsten deutschen Wort gekürt. Insgesamt beteiligten sich 850 Deutschlernende aus 46 Ländern an der Umfrage. Unter den eingereichten Vorschlägen fanden sich viele Begriffe, die aus mehreren Wörtern zusammengesetzt waren, wie beispielsweise „Strandkorburlaubsstimmungszeit“ oder „Pünktlichkeitszwanghaftigkeit“. Auch die Logik der deutschen Sprache sei mehrfach betont worden, in Einsendungen wie „Handschuh“ oder „Nacktschnecke“. Ganz nach oben schaffte es jedoch nur die „Gemütlichkeit“, während die Plätze zwei und drei von den Wörtern „Schmetterling“ und „Eichhörnchen“ belegt wurden. (rp-online.de)


Deutsche Produktangaben

Auf Initiative der Süd-Tiroler Freiheit beschloss der Südtiroler Landtag am Mittwoch, Produktangaben von Handelswaren in Südtirol künftig auch in deutscher Sprache verbindlich zu machen. Myriam Atz-Tammerle und Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit hatten gefordert, dass Lebensmittel- und andere Warenangaben den Konsumenten in der eigenen Muttersprache zur Verfügung stünden. Die deutsche Sprache ist der italienischen Sprache in Südtirol gleichgestellt und die Muttersprache der Bevölkerungsmehrheit ist Deutsch – daher müsse in allen Bereichen, in denen die Verwendung der italienischen Sprache gesetzlich vorgeschrieben ist, die deutsche Sprache ebenso verwendet werden. (stol.it)


2. Unser Deutsch

Ist gut nun, Gudrun

Zur Glosse Ende Gelände gab es viele Mails mit Hinweisen auf weitere Nonsenssprüche, die ich hier gerne weitergebe und kommentiere.
Alles klar auf der Andrea Doria heißt so viel wie ‚alles in Ordnung‘. Den Spruch gibt es schon länger. Wörterbücher nennen ihn ‚jugendsprachlich‘. Woher mag er kommen? Viele kennen ihn aus einem Video von Udo Lindenberg (1973) und als Refrain in dem gleichnamigen Song (2008). Ob der Mann mit der Krempe in der Stirn ihn erfunden hat? Wohl kaum. Ich vermute eher eine Hamburger Seemannskneipe. Darauf deutet der weitere Zusammenhang. Der erste bekannte Träger dieses Namens war ein genuesischer Admiral (1466-1560). Nach ihm wurde 1913 ein Schlachtschiff benannt, das in beiden Weltkriegen unterwegs war. Auch ein Luxusliner erhielt diesen Namen, er kollidierte am 25. Juli 1956 mit einem anderen Passagierschiff und sank. Und schließlich benutzte schon Wilhelm Raabe den wohlklingenden Namen für eine genuesische Galeone in seiner historischen Erzählung ‚Die schwarze Galeere‘. Alles klar hört sich seemännisch an, doch der Name Andrea Doria ist heute nur noch reimende Verstärkung.
Aus die Maus ‚Schluss damit‘ ist bekannt als Titel der ‚Sendung mit der Maus‘, aber sicher älteren Ursprungs. Ein Sprücheforscher glaubt, es hänge mit früherer Bekämpfung der Mäuseplage zusammen. Hatte man sie alle beseitigt, konnte man sagen: Aus die Maus. Das gibt der Wendung eine inhaltliche Erklärung. Ich denke eher: die Maus dient nur als verstärkendes Reimwort. Eine erweiterte Variante ist Ende aus – Mickymaus alles vorbei‘. Die Mickymaus hat natürlich nichts mit dem Ende zu tun, außer dem Reim. Der Effekt entsteht auch durch den Widerspruch von lautlicher Ähnlichkeit, dem Reim, und inhaltlicher Unähnlichkeit, was ich
Ähnlich beginnt der Spruch Aus der Traum vom Apfelbaum ‚alles vorbei, hat nicht geklappt‘. Auch hier haben Forscher eine sinnvolle Verbindung gesucht. Der Apfelbaum sei Symbol der Sünde und für das Ende des Paradieses. Viel zu weit gegriffen. Der Apfelbaum hat gar nichts mit dem Traum zu tun außer dem Reim.
Eine echte Quelle hat vielleicht der Spruch nicht schlecht, Herr Specht ‚gelungen, gut gemacht‘. Kartenspieler kennen den Kiebitz, auch Specht genannt, der von hinten in die Karten schaut. Dazu mag der Spieler zu dem Kiebitz sagen: nicht schlecht, Herr Specht. Klingt plausibel, ist aber wohl doch nur eine nachträgliche Deutung für den Reim Specht auf schlecht.
Zu hätte, hätte – Fahrradkette (aus dem Infobrief vom 12.9.) kenne ich eine Variante aus dem Barmer Platt: hätt, hätt – Drit im Bett, etwas drastisch, um das Gerede von ‚hätte ich doch …‘ abzuweisen. Den doppelten Konjunktiv nutzt auch dieser Spruch: Könnte, könnte – Pekingente. Wie irreal das könnte ist, wird mit einem sinnlosen Reimwort, dem Namen des bekannten chinesischen Gerichts Pekingente vor Augen geführt. Hier ließe sich weiter denken. In einer Kaffeerunde, der ich diese Sprüche erzählte, rief einer sollte, sollte – Witwe Bolte. Und ein anderer fügte hinzu: wäre, wäre – Stachelbeere.

Bei folgendem Spruch bin ich nicht sicher, wie geläufig er ist: Avanti, Elsa di Brabanti. Kenner der Wagner’schen Musik erkennen sogleich Elsa di Brabante aus dem Lohengrin. Mit Avanti hat der Name aber nichts zu tun, darin steckt eben der Effekt. Dem Reim wurde der Name ein wenig angepasst.
Aus meiner Kindheit in Thüringen kenne ich den Ausruf Bahne frei Kartoffelbrei beim Schlittenfahren. Er war damals auch in Franken bekannt.
Zum Schluss ein Spruch, den man öfter gebrauchen könnte. Darum habe ich ihn als Überschrift gewählt: Ist gut nun, Gudrun ‚lass sein, es lohnt nicht mehr‘. Der Reim ist nicht ganz rein, aber effektvoll, weil gut nun und Gudrun grammatisch und semantisch gar nichts mit einander zu tun haben. Ein typischer Nonsensspruch.
Blicken wir zurück: Weitere Nonsens-Sprüche bestätigen den Typus: ein zweigliedriger Spruch mit Reim, aber ohne eine erkennbar sinnvolle Verbindung der beiden Teile. Das soll der Name Nonsens ausdrücken. Im Sprachgebrauch sind es kurze, witzig formulierte Kommentare. Die meisten dieser Sprüche findet man in keinem Wörterbuch, sie sind sozusagen Sprache natur, ohne die Glättung durch Verschriftung, aber in lebendigem Gebrauch. Man kann rätseln, wie sie entstanden. Tatsächlich liegt das fast immer im Dunkeln. Es sind Erfindungen des Volksmunds für den Dialog im Alltag.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Auf Deutsch singen

Die Musikgruppe „Staring Girl“ stammt aus Hamburg und hat sich 2005 gegründet. Liedermacher und Sänger ist Steffen Nibbe, der in einem Interview über die Entstehungsgeschichte seiner Band berichtet und erklärt, warum er auf Deutsch singt. Seine heutigen Bandmitglieder waren früher mit seinem Musikerkollegen Gisbert zu Knyphausen unterwegs, der in der Liedermacherszene recht bekannt ist. „Als sich die alte Besetzung dann später aufgelöst hatte, hat es sich einfach ergeben, dass Gunnar, Jens und Frenzy zu Staring Girl gekommen sind“, erzählt Steffen Nibbe. In seiner Jugend experimentierte Nibbe auch mit englischen Texten, entschied sich aber später bewusst für die deutsche Sprache. Damit kann er sich besser ausdrücken. „Aber die Fallhöhe ist auch größer“, wendet er ein. „Man macht sich ja schon ziemlich nackt, wenn man deutsch textet.“ Die Frage, ob er denn beim Songschreiben auch mal das Gefühl habe, dass etwas gar nicht geht, weil es im Deutschen zu kitschig oder ausgelutscht klinge, bejaht er und lacht. Gerade weil man bei deutschsprachiger Musik die Texte nicht überhören kann, müsse man sich auch mehr Zeit für das Schreiben nehmen. „In der Regel liegt so ein Lied schon ziemlich lange da, bis ich die richtigen Bilder gefunden habe.“ (volksfreund.de)


Karlsruher Literaturtage

Zum siebten Mal finden aktuell die Karlsruher Literaturtage statt, wie immer unter dem Motto „Literatur offensiv!“. Hier wird Literatur aus Karlsruhe und Umgebung präsentiert, teils an außergewöhnlichen Leseorten – zum Beispiel eine Lesung im Karlsruher Katzencafé oder eine Fahrstuhllesung durch die Hochschule für Gestaltung. Auch ein Mundart-Poetry-Slam hat bereits stattgefunden, bei dem die Regel „Hochdeutsch verboten“ galt. Bis zum 14. Oktober gibt es noch Programm auf den Literaturtagen: literaturtage-karlsruhe.de. (ka-news.de)


4. Denglisch

Frühschoppen

Sonntag, 11 Uhr, Frühschoppen. Man trifft sich in geselliger Runde, um rasch ein paar Glas Bier, Schnaps oder Wein zu trinken. Aber wieso heißt es eigentlich „Schoppen“? Wer es nicht besser weiß, kommt vielleicht auf den Gedanken, man habe hier den englischen Begriff „Shoppen“ eingedeutscht und schreibt ihn nun mit „sch“ statt „sh“. Schließlich begegnet man auch häufig genug Einladungen zum „Frühshoppen“, also in vermeintlich englischer Schreibweise. Tatsächlich hat der Begriff aber einen ganz anderen Hintergrund. Ein „Schoppen“ war ursprünglich mal die Bezeichnung für ein Trinkgefäß. Später bezeichnete der Begriff dann auch den Inhalt dieses Trinkgefäßes. Das heißt, ein Frühschoppen war zunächst einfach ein frühes Glas Bier oder Wein. Ein weiteres Argument, den verbreiteten Anglizismus „shoppen“ aus dem eigenen Wortschatz zu tilgen. (bnn.de)


5. Termine

14. Oktober, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

17. Oktober, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Gaststätte Kaiser-Treff, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

19. Oktober, Region Elfenbeinküste
Veranstaltung zum Tag der deutschen Sprache

21. Oktober, Region Österreich (Wien – Verein Muttersprache)
70-Jahr-Feier Verein Muttersprache
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Magistratisches Bezirksamt, 3. Bezirk, Karl-Borromäus-Platz 3, 1030 Wien, Österreich

25. Oktober, Region 24 (Kiel, Flensburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Sportrestaurant Altenholz, Klausdorfer Str. 78b, 24161 Altenholz

26. Oktober, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Teilnahme an der Remscheider Nacht der Kultur und Kirchen: Deutschland ist (D)englischland
Zeit: 18:00 – 22:00 Uhr
Ort: Café Marktlücke, Ambrosius-Vassbender-Platz 1, 42853 Remscheid

28. Oktober, Region 50/51 (Köln)
Vierteljährlicher Stammtisch
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

6. November, Region 07 (Gera, Jena)
3. Stammtisch
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Paulaner Wirtshaus Gera, Clara-Zetkin-Str. 14, 07545 Gera

7. November, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen / Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

11. November, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

11. November, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

14. November, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Zum Bauernhaus Biestow“, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.