Infobrief 405 (11/2018): Warum Bekanntes plötzlich fremd klingt

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16. März 2018

1. Presseschau vom 9. bis 15. März 2018

  • Warum Bekanntes plötzlich fremd klingt
  • Kunde bleibt Kunde
  • Amtssprache durchgesetzt

2. Unser Deutsch

  • Nimmerleinstag

3. Berichte

  • Der VDS in der Presse
  • Malwettbewerb der Sprachvereine
  • Woran Sprachen sterben

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Leipziger Buchmesse als Politikum

6. Denglisch

  • Baden-Baden gut-gut

 

 

1. Presseschau vom 9. bis 15. März 2018

Warum Bekanntes plötzlich fremd klingt


Bild: Pixabay User: GDJ-1086657 Lizenz: CC0 1.0

Wenn man ein Wort mehrmals hintereinander ausspricht, klingt es plötzlich fremd. Diesen psycholinguistischen Effekt nennt man semantische Sättigung. Dabei verliert sich sozusagen die Bedeutung, die wir für dieses Wort abgespeichert haben. In unserem mentalen Lexikon sind zu jedem Wort Bedeutung und Form sowie die Verbindung zwischen diesen Informationen abgespeichert. Das hilft uns dabei, den Wortsinn über den Klang zu erschließen. Andersherum, hilft es uns beim Sprechen, Inhalte in Laute umzusetzen. Da wir uns auch automatisch selbst zuhören, aktivieren unsere eigenen Worte die Bedeutung des Gesagten. Dies ist die sogenannte perzeptuelle Schleife. Wiederholen wir ein Wort allerdings häufig hintereinander, werden die Neuronenverbände, die die Bedeutung speichern, übermäßig stimuliert und der Wortinhalt nicht mehr durch den Klang aktiviert – sozusagen taub. Das eigentlich bekannte Wort „klingt“ fremd.

Diesen Effekt haben kanadische Psychologen gerade herausgefunden. (spektrum.de)

 

Kunde bleibt Kunde

Im Prozess um die Berücksichtigung der Frau als „Kundin“ in Sparkassenformularen (s. Infobrief 402) hat der Bundesgerichtshof nun ein Urteil gefällt. Demnach hat die Klägerin Marlies Krämer keinen Anspruch auf eine geschlechtsbezogene Anrede und darf weiterhin als „Kunde“ bezeichnet werden. Der BGH erkenne „zwar die allgemeine Notwendigkeit von Gleichstellung an, konnte daraus aber keinen individuellen Anspruch“ aus der Forderung Krämers ableiten, berichtet die ZEIT. „Der Bedeutungsgehalt grammatisch männlicher Personenbezeichnungen kann nach dem allgemein üblichen Sprachgebrauch und Sprachverständnis Personen umfassen, deren natürliches Geschlecht nicht männlich ist“, lautete die Begründung weiter. Krämer kündigte nach dem Urteil an, mit ihrem Anliegen vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen.

Der Linguist Peter Eisenberg erklärte dazu im ZDF-Morgenmagazin, die deutsche Sprache enthalte bereits alles, um alle Geschlechter einzubeziehen und sprach sich gegen Gender-Zwangsmaßnahmen aus. Die gesamte Sendung finden Sie hier. (zeit.de, tagesspiegel.de)

 

Amtssprache durchgesetzt

Obwohl in Belgien neben Französisch und Niederländisch auch Deutsch eine Amtssprache ist, wird die deutsche Sprache in der Regierung vernachlässigt. Eine am Donnerstag im belgischen Parlament verabschiedete Resolution zur Förderung der deutschen Sprache soll dies nun ändern. Öffentliche Behörden sind nun angehalten, „den Gebrauch der deutschen Sprache zu schützen und zu verbessern“, so die ostbelgische Abgeordnete Kattrin Jadin in ihrer auf Deutsch gehaltenen Rede. Zugute kommt die Resolution den rund 78.000 Belgiern, die Deutsch als Muttersprache angeben und von denen die meisten in der mehrheitlich deutschsprachigen Provinz Ostbelgien in der Region Wallonie leben.

Schlechter hingegen sieht es für die englische Sprache aus. Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU werden nur noch Irland und Malta als englischsprachige Staaten verbleiben. Zu wenig, um Englisch weiterhin dem Französischen und Deutschen vorzuziehen, findet EU-Kommissions-Präsident Jean Claude Juncker. „Ich zögere zwischen Englisch und Französisch, aber ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich werde auf Französisch sprechen, weil Englisch langsam, aber sicher an Bedeutung in Europa verlieren wird“, so Juncker während einer Rede in Florenz.

Der VDS hatte in seiner Kuseler Erklärung vom 27. Juni 2017 gefordert, den bevorstehenden Brexit als Chance zu sehen, der Vorherrschaft des Englischen entgegenzuwirken.  (aachener-nachrichten.de, nzz.ch)

 

2. Unser Deutsch

Nimmerleinstag

Ein heiteres, ein umgangssprachliches Wort. Aber woher kommt es? „Scherzhaft“ für ‚nie, niemals‘ verzeichnen die Wörterbücher, mit Beispiel: von ihm bekommst Du Dein Geld am Nimmerleinstag oder Auf einen Bescheid der Behörde kannst Du bis zum Nimmerleinstag warten (auf einen Tag, der nie kommt). Auch die Dialekte kennen es: Warte bis Nimmerlestag – so werden ungeduldige Kinder in Franken vertröstet.

Wir verstehen die Wendung, weil nimmer als kontrahierte Form von ‚nie mehr’ geläufig ist, auch in Zusammensetzungen wie nimmersatt, nimmermüde, nimmermehr oder Auf Nimmerwiedersehen. Aber wie kommt es zum Nimmerleinstag? Eigentlich und ursprünglich heißt es Sankt Nimmerleinstag und geht zurück auf den Brauch, Termine nach dem Heiligenkalender zu benennen. Wir kennen es aus vielen Wetterregeln wie zum Beispiel Wenn amal Josefi is (19. März), endet der Winter g’wiß. Oder: Regnets an St. Nikolaus (6. Dezember), wird der Winter streng und graus. Sankt Nimmerlein ist ein erfundener Heiligenname für einen Tag, der nie kommt. Das Grimm’sche Wörterbuch nennt schon Belege aus dem 16. Jahrhundert. Doch mit dem Glauben an die Schutzheiligen sind auch die Namenstage verloren gegangen. Nur die Eisheiligen, Pankrazius, Servatius, Bonifazius und die kalte Sophie (12.- 15. Mai) sind noch bekannt. Den Sankt Nimmerleinstag hat uns vielleicht Bertolt Brecht bewahrt in dem bitterbösen Lied von der Ungerechtigkeit der Welt, dem „Lied vom Sankt Nimmerleinstag“ im Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.

Utopische Termine waren einst, als die Welt noch nicht nach Sommer- und Winterzeit, nach Achtstundentag und Urlaubsanspruch getaktet war, eine verbale Ausflucht. Wenige haben im deutschen Wortschatz überlebt, zum Beispiel Wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen. In einer Sammlung von Redensarten lesen wir: zu Pflaumenpfingsten (wenn zu Pfingsten die Pflaumen reifen), auf Maiostern (wenn Ostern auf den Mai fällt), zu Martini, wenn die Störche kommen (am 11. November sind sie schon längst fort). Noch heute kennen dagegen gebildete Zeitgenossen den Ausdruck der Römer, wenn sie etwas ad calendas Graecas verschoben. (Calendae waren die Zahlungstermine am Monatsersten, die in der griechischen Zeitrechnung nicht vorkamen.) Aus dem Rechtswesen stammt auch die Praxis, etwas auf die lange Bank zu schieben. Zum Beispiel die Verbannung des Diesel aus den Städten. Oder wird’s erst am Nimmerleinstag?

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Der VDS in der Presse

„Die Muttersprache ist so nah und lebendig“, berichten die VDS-Vertreter Bruno Klauk und Udo Marx im Wochenkurier und sprechen dabei darüber, was ihnen an der deutschen Sprache wichtig ist und welche Entwicklungen sie eher kritisch betrachten.

In einem Bericht über die VDS-Regionalverbände war Lena van den Wyenbergh vom Höchster Kreisblatt zu Gast bei Mitgliedern des Regionalverbands Main-Taunus-Kreis. In einem Interview sprach sie mit ihnen über ihre ganz persönlichen Unwörter des Jahres und den Gebrauch von Anglizismen und Denglisch. So ist Beatrice Hartmann der Meinung: „Geht man heutzutage in ein Geschäft und möchte ein Strampelhöschen kaufen, kommt man nicht wirklich weiter. Jetzt heißt es ‚Body‘. Dabei ist ‚Strampelhöschen‘ doch ein viel schöneres Wort.“ Aber auch das steigende Interesse an der deutschen Sprache im Ausland wird thematisiert. „Den meisten Deutschlernenden gefällt die Wortvielfalt“, weiß dazu Horst Blumenstein.

Die Eichsfelder Nachrichten kritisieren mit Bezug auf die VDS-eigene AG Gendersprache die Veröffentlichung des Ratgebers „Richtig gendern“ des Duden-Verlags. (wochenkurier.de, kreisblatt.de, eichsfelder-nachrichten.de)


Malwettbewerb der Sprachvereine

Unter dem Motto „Mein liebstes Märchen“ oder „Meine liebste Zeichentrickfigur“ hatte Horst-Falko Billek vom Bund für deutsche Schrift und Sprache zu einem bundesweiten Malwettbewerb für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren aufgerufen. Die Sieger wurden nun ausgezeichnet und bekamen Gutscheine und Geldpreise. Unterstützt wurde der Wettbewerb vom VDS, von der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft und von der Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“. Auch 2018 soll es wieder einen Wettbewerb geben, diesmal zu dem Thema „Deutsche Redewendungen und Sprichwörter“.


Woran Sprachen sterben

VDS-Vorstandsmitglied und Linguist Dr. Reiner Pogarell hielt am am Donnerstag, 15. März in Offenburg den Vortrag „Woran Sprachen sterben“ und erörterte die Fragen: Warum Sprachen lange leben und warum Sprachen sterben. (badische-zeitung.de)

 

4. VDS-Termine

19. März, Deutsches Musikradio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Holger Klatte und Stefan Ludwig.
Schwerpunkt: Deutsch in der Kirche
Sendungsseite: http://www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr

21. März, Region 84 (Landshut, Niederbayern)
Leselupe
Zusammenkunft literarisch interessierter Menschen. Jeder Anwesende kann einen sprachlich oder inhaltlich beeindruckenden Text vortragen.
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Evangelisches Bildungswerk Landshut, Luitpoldstraße 3 (II. Stock), 84034 Landshut

22. März, Region 45 (Essen, Herten, Recklinghausen)
Mitgliedertreffen mit Wahl der Regionalleitung
Vortrag: Prof. Dr. Walter Krämer (VDS-Vorsitzender) zum Thema „Verlierer sprechen Denglisch – die deutsche Sprache und das Geld“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Burggymnasium Essen, Raum 02, Burgplatz 4, 45127 Essen

22. März, Region 70, 71, 73, 74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung, Thema u. a. der Begriff „Leitkultur“
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Straße 46, 70178 Stuttgart

23. März, Region 44 (Dortmund)
Regionalversammlung mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: VDS-Dortmund, Martin-Schmeißer-Weg 11, 44227 Dortmund

25. März, Region 54 (Trier, Bitburg)
Mitgliederversammlung mit Wahl der Regionalleitung
Vortrag: Prof. Dr. Walter Krämer (VDS-Vorsitzender) zum Thema „Wozu braucht Deutschland den VDS?“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Bei Lonnen“, Kirchweg 2, 54597 Ormont

 

5. Literatur

Leipziger Buchmesse als Politikum

Am 14. März eröffnete die Leipziger Buchmesse, die in diesem Jahr mit mehr als 2600 Ausstellern aus 46 Ländern einen neuen Teilnehmer-Rekord verzeichnet. Bereits vor der Eröffnung machte die Buchmesse vor allem mit der Zulassung rechter Verlage Schlagzeilen. Am Eröffnungsabend demonstrierten rund 400 Menschen dagegen, „dass rechte Ideologien auf der Buchmesse verbreitet werden“, so der Mitinitiator von #verlagegegenrechts, René Arnsburg. Heinrich Riethmüller vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verwies während der Auftaktveranstaltung auf die Meinungsfreiheit, die auch für die Buchmesse selber gelte. Dort spiegele sich schließlich wider, was die Gesellschaft beschäftige.

Auch der Verein Deutsche Sprache ist zusammen mit dem IFB Verlag Deutsche Sprache auf der Leipziger Buchmesse in Halle 5, Stand E101 präsent. (welt.de, deutschlandfunkkultur.de)

 

6. Denglisch

Baden-Baden gut-gut

Die Stadt Baden-Baden hieß im Mittelalter einfach nur Baden, bekam durch den Aufstieg des Großherzogtums Baden seinen Doppelnamen Baden (in Baden). In dieser Ecke Deutschlands lebt es sich ganz ordentlich – das weiß man in Baden-Baden. Deswegen geht man jetzt dazu über, auch die Adjektive zu verdoppeln, wenn man das Leben in Baden-Baden beschreiben will. So lautet der kürzlich vorgestellte Werbespruch der Stadt: „The good-good life“. Die Geschäftsführerin der städtischen Tourismusagentur Nora Waggershauser erklärte den Spruch, den eine Frankfurter Werbeagentur nach monatelangem Kopfzerbrechen erfunden hat: „Wir wollen zeigen, dass das gute Leben in Baden-Baden wohnt, weil sich hier die ganze Welt zu Hause fühlt und die Kultur in allen ihren Facetten aufs Beste lebt.“ Baden-Baden trägt damit seinen Teil dazu bei, dass die Welt, davon ausgeht, in Deutschland werde vor allem englisch gesprochen. Damit hat die Stadt sicher gute Chancen, sich auf der Kandidatenliste für die Wahl des Sprachpanschers des Jahres 2018 wiederzufinden. (bnn.de)

 

 


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

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Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Silke Niehaus, Ann-Sophie Roggel

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