Infobrief Nr. 447 (2. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

  • Digitalisierter Wortschatz
  • Fahrendes Theaterprojekt
  • Sprachdynamik statt Sprachverfall

2. Unser Deutsch

  • Schwarzarbeit

3. VDS-Termine

4. Literatur

  • Politische Prophetie
  • Ein Dichter ist kein Journalist – Carl-Zuckmayer-Medaille für Robert Menasse

5. Denglisch

  • Willkommen in 2019

 

1. Presseschau

Digitalisierter Wortschatz

Bild: pixabay / geralt, CC0-Lizenz

Eine umfassende digitale Sammlung des deutschen Wortschatzes soll Informationen zu Schreibweise, Aussprache, Bedeutungen und Herkunft der aufgenommenen Wörter bereitstellen. Zu diesem Zweck nahm im Januar das „Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache“ seine Arbeit auf. Das Zentrum wird von vier wissenschaftlichen Akademien (in Berlin, Göttingen, Leipzig und Mainz) getragen und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die Arbeit gründet auf dem Projekt DWDS (das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart), das bereits eine umfangreiche Datenbank zur Verfügung stellt. Diese kann im Internet eingesehen und durchsucht werden: dwds.de. (deutschlandfunk.de)

 

Fahrendes Theaterprojekt

Das White Horse Theatre ist ein Projekt, bei dem eine kleine Gruppe von Schauspielern unter der Leitung von Peter Griffith in einem Kleintransporter herumreist und ihre selbstgeschriebenen und -inszenierten Stücke auf Aulabühnen und in Schulsporthallen bringt. Es ist ein Schultheater – das größte in Europa – und erreicht rund 400 000 Zuschauer im Jahr. Nach den Aufführungen gibt es immer eine Gesprächsrunde, bei der die Schüler die Schauspieler mit ihren Fragen löchern dürfen, aber „in English please“. Alle Schauspieler sind englische Muttersprachler, die Schüler sollen bei den Veranstaltungen ganz in die Fremdsprache eintauchen. An manchen Schulen gehört der jährliche Besuch des Theaterprojekts bereits zur Tradition. Die Lehrer schätzen die „positive Erfahrung“ der Schüler mit der englischen Sprache.

Wird Sprache auf solche Weise erfahrbar gemacht, kann sie Begeisterung wecken ‑ für fremde Sprachen wie für die eigene. (noz.demain-echo.desoester-anzeiger.de)

 

Sprachdynamik statt Sprachverfall

Sprache verändere sich, neue Begriffe entstehen – das sei normal, meint Frau Pollmann. Muss man sich deshalb Sorgen über das Aussterben einer Sprache machen? Pollmann, ehemalige Dozentin für Germanistik an der Universität Magdeburg, meint, weder Anglizismen noch der Gebrauch des Englischen als Konferenzsprache seien Anzeichen des Verfalls. Im Gegenteil sei der Wandel des Wortschatzes Ausdruck einer lebendigen Dynamik. Zudem gebe es auch gegenläufige Tendenzen. Computer werden immer häufiger wieder Rechner genannt und statt „Service-Point“ spricht man wieder häufiger von der Auskunft. Sie sieht in den Veränderungen keinen Grund zur Sorge, sondern vertritt die Ansicht, dass sich Sprache in beide Richtungen hin stets anpasst und entwickelt. Pollmann war viele Jahre am Wort des Jahres, einer Aktion der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), beteiligt. Sie versucht, Menschen für die Entwicklung ihrer Sprache zu begeistern und gleichzeitig dafür zu sensibilisieren, dass sich in der Sprache Varianten entwickeln. (volksstimme.de)

Kommentar

Uralt ist das Argument: „Sprache verändert sich“. Es führt in die Irre, es führt in einen Deutungsrahmen, wo nichts mehr stimmt, oder alles stimmt. Damit lässt sich jederlei Sprachkritik abbügeln. Das Argument ist der Ausdruck eines unredlichen Denkens. Was sich verändert, ist nicht die Sprache, sondern es sind die Menschen, die mit der Sprache bewusst oder auch leichtfertig umgehen. Der Denkfehler, die Sprache könne „sich verändern“, verschiebt die Verantwortung von uns selber auf die Sprache: „Ich kann nichts dafür, so ist die Sprache nun mal.“ Irrtum: Die Sprache ist kein Naturereignis wie der wechsel von Sommer und Winter, sondern ein Kulturgut. Es wird geschaffen von Menschen – und auch missbraucht.

 

2. Unser Deutsch

Schwarzarbeit

Wenige Wörter haben so vielfältige Bedeutungen wie die Farbadjektive blau, gelb, grün, rot, schwarz und weiß. Oft sind sie in festen Wendungen oder Zusammensetzungen verankert, teils Zeugnis alter, verdunkelter Metaphorik, teils neu und durchschaubar. Eine kleine Auswahl: Die blaue Blume (der Romantik), blau machen / blauer Montag, sein blaues Wunder erleben, Fahrt ins Blaue; weiße Weste, Weißwurst, Berliner Weiße; grün hinter den Ohren / Grünschnabel, jemand nicht grün sein, Gründonnerstag; keinen roten Heller wert, rotes Tuch, Rothaut, rote Socken; gelbe Gefahr, gelbe Karte, das Gelbe vom Ei.
Greifen wir erklärend eines exemplarisch heraus: schwarz. In ihm kommt die ganze Vielfalt alter und neuer Bedeutungen, von durchsichtiger oder verborgener Metaphorik zum Ausdruck. Wir beginnen mit einem geflügelten Wort: Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen, heißt es in Goethes Faust. Gemeint ist die Tinte auf weißem Papier. Schwarz hat hier noch die ursprüngliche Bedeutung ‚dunkelfarbig‘, die auch in Schwarzbrot, Schwarzbier, Schwarzes Meer und schwarzer Kaffee (ohne Milch) vorkommt, wohl auch in der Wendung jemandem wird schwarz vor Augen ‚ohnmächtig werden‘. An das Dunkle dachte auch Matthias Claudius in seinem Abendlied: „Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der Nebel wunderbar.“ Die echte Farbe schwarz meinte aber wohl Thomasius, als er im Jahre 1687 in Leipzig das erste ‚Programma in teutscher Sprache‘ an das schwarze Brett schlug. Die Bretter gibt es noch heute, sie müssen aber nicht schwarz sein. Wir sehen, wie sich die Bedeutung von der Farbe (des Brettes) auf seine Funktion verschoben hat. Alt ist auch die Verbindung von christlich und schwarz, die im Farbsymbol der Christdemokraten fortlebt, eine Erinnerung an die dunklen Gewänder der Mönche. Diese Kürzel für Parteien haben die Kommunisten und Sozialdemokraten (rot), nach ihnen die Freidemokraten (gelb) und jüngst die AFD (blau) weitergeführt. Nur bei den Grünen ist grün auch politisch motiviert.
Andere Herkunft hat der Schwarze Tod als Bezeichnung der Pest. Er erinnert an die dunklen Beulen dieser todbringenden Krankheit. Da kannst Du warten, bis Du schwarz wirst meint ‚bis du tot bist‘. Auch sich schwarz ärgern heißt ‚sich (fast) zu Tode ärgern‘ – alles seit Jahrhunderten belegte Wendungen, deren Ursprung heute im Dunkeln liegt. Durchsichtig ist es dagegen, wenn jemand ins Schwarze trifft ‚genau das Richtige sagt‘, übertragen vom schwarzen Kreis einer Schießscheibe. Garnichts hat dagegen der Ausdruck Schwarze Kunst für ‚Magie‘ mit der Farbe zu tun. Er beruht auf einer Volksetymologie, wonach lateinisch necromantia‚Totenbeschwörung‘ zu nigromantia (mit lateinisch niger ‚schwarz‘) umgedeutet wurde.
In einem ganzen Feld von Wendungen gilt schwarz als Symbol des Unheils, des Bösen, so in der schwarze Tag, der schwarze Peter, die schwarze Seele und das schwarze Schaf‚ der Unangepasste‘ (Luther). Schwarz sehen, etwas schwarz malen charakterisiert den Pessimisten, jemanden anschwärzen ‚verdächtigen‘ den bösen Willen.
Zum Schluss ein Blick auf die bekannteste Wortfamilie, die Schwarzarbeit, den Schwarzhandel, das Schwarzgeld, den Schwarzmarkt, dazu die vielen unerlaubten Tätigkeiten schwarz arbeiten, schwarz schlachten, schwarz brennen, schwarz fahren, schwarz sehen und hören. Hier geht es um die Verweigerung von Steuern, Sozialabgaben, Fahrgeld oder Rundfunkgebühren. Die Wörterbücher übersetzen dies als ‚ungesetzlich‘. Die Blütezeit des Schwarzmarktes war die Nachkriegszeit, für viele eine Rettung im wirtschaftlichen Tohuwabohu. Heute führen Hartz IV, das Arbeitsverbot von Migranten und die umständlichen Regelungen für Putzhilfen zur Ausflucht in das klassische, das ursprüngliche Geben und Nehmen, den Handschlag-Vertrag, Schaffen ohne Rechnung, zu Cash in de Täsch. Für manche auch ein stiller Protest gegen staatliche Bevormundung und unerwünschte Fürsorge.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. VDS-Termine

14. Januar, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

16. Januar, Region 07 (Gera, Jena)
Mitgliederversammlung
Vortrag: Jörg Bönisch (Vorstand) zum Thema „Gendersprache – Geschlechter(un)gerechtigkeit und Sprach(zer)störung“
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Sanitäts- und Gesundheitshaus Caqueville, Flurstr. 6, 07586 Kraftsdorf
gera.otz.de

16. Januar, Region 23 (Lübeck, Wismar)
Mitgliedertreffen
Wahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Lübecker Rudergesellschaft, Hüxtertorallee 4, 23564 Lübecker

17. Januar, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Nebenzimmer der Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

23. Januar, Region 10-14, 16 (Berlin und Potsdam)
Neujahrsempfang
Vortrag: Prof. Dr. Albrecht Betz zum Thema „Wer sucht, der findet?“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Europolis, Hackescher Markt 4, 10178 Berlin
verbindliche Anmeldung und Überweisung der Teilnahmegebühr von 5 Euro
bis zum 15. Januar 2019 an:
Edition Europolis UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG
E-Post: edition@europolis-online.org
Fax: 030843-14137
IBAN: DE95 4807 0024 0105 9286 00 (Deutsche Bank)

 

4. Literatur

Politische Prophetie

Politische Umstände werden häufig in der Literatur gespiegelt. So in Serotonin, dem neuesten Roman Michel Houellebecqs, der vom wirtschaftlichen Elend der französischen Provinz handelt. Houellebecq wird gerne als eine Art politischer Prophet bezeichnet. Seine Romane orientieren sich an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation und spielen in der Zukunft. Dementsprechend knüpfen sie häufig an aktuelle Entwicklungen an und verdeutlichen politische Bewegungen. Markus Messling, Professor für Romanische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin, kritisiert die politischen Positionen Houellebecqs, welche sich um Souveränismus, Nationalismus und Antiparlamentarismus drehen. Andererseits schätzt er Houellebecqs Talent zum Schreiben: „Ich glaube, dass Houellebecq seit vielen, vielen Jahren eben diese Verelendung und vor allen Dingen auch das seelische Leid im Neoliberalismus natürlich glänzend seziert, aber auch mit einer ganz bestimmten politischen Stoßrichtung.“ (deutschlandfunkkultur.de)

 

Ein Dichter ist kein Journalist – Carl-Zuckmayer-Medaille für Robert Menasse

In der nächsten Woche wird die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz an den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse verliehen. Er erhält die Auszeichnung für sein literarisches Gesamtwerk, mit dem er die politische Debatte über die Zukunft der EU bereichert habe, so Malu Dreyer (Ministerpräsidentin RP, SPD). In der vergangenen Woche war Menasse erneut in die Kritik geraten. Wiederholt hatte er fälschlicherweise behauptet, Walter Hallstein, erster Kommissionspräsident der EWG, habe seine Antrittsrede 1958 in Auschwitz gehalten. Zudem gab Menasse Zitate Hallsteins verfälscht wieder. Er rechtfertigte sich damit, dass der freie Umgang mit Quellen nicht zulässig sei „außer man ist Dichter“. Diesen Beruf stellte er den Berufen des Wissenschaftlers und des Journalisten gegenüber, die er wohl als stärker an historische Tatsachen gebunden betrachtet.
Im Hinblick auf die Preisverleihung äußerte sich Menasse gemeinsam mit Dreyer und betonte den Wert von Fakten und Gewissheiten, die von Annahmen und Meinungen zu trennen seien. (cicero.desueddeutsche.dedeutschlandfunk.de)

 

5. Denglisch

Willkommen in 2019

Warum die Formulierung „in 2019“ in seinem Sprachgebrauch nichts verloren hat, erklärt Martin Ebel im neuen Video seiner Kolumne „Ebels Sprechstunde“ auf der Internetseite der Basler Zeitung. Der Anglizismus sei leicht vermeidbar: Auf das in in „in 2019“ könne schlicht verzichtet werden, wenn die Langform „im Jahr(e) 2019“ allzu umständlich sei. Ebels Meinung: Dieser Anglizismus ist besonders hässlich. (bazonline.ch)

 


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

Redaktion: Alina Letzel, Oliver Baer

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