Infobrief 381 (39/2017): Du, Frau Lehrerin

29. September 2017

1. Presseschau vom 22. bis 28. September 2017

  • Du, Frau Lehrerin
  • Jamaika

2. Unser Deutsch

  • GroKo

3. Berichte

  • Sprachperle am Rhein

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Leben des Autors
  • Do you sing Deutsch?

6. Denglisch

  • It is not all English what shines

 

1. Presseschau vom 22. bis 28. September 2017

Du, Frau Lehrerin


Fotolia / # 84727692

In seiner Studie über Anredeformen in der Grundschule fand der Siegener Germanist Wolfgang Steinig heraus, dass das Siezen gegenüber dem Duzen für eine höhere Leistungskultur spricht. Die Anrede sei Indikator für den Umgang zwischen Lehrern und Schülern, der sich von Schule zu Schule und von Bundesland zu Bundesland zwischen autoritär und freundschaftlich bewegen könne. Angaben über die Anredeform verglich Steinig dabei mit dem Stellenwert, der der Orthografie in den ersten beiden Schuljahren zugemessen wurde, und leitete daraus die Unterscheidung in zwei Schulkulturtypen, den formellen und den informellen, ab. Unterfüttert wurde dies durch die Analyse der Internetseiten der Schulen, die eine Art Visitenkarte darstellten und häufig Informationen zur Philosophie der Schule enthielten, so Steinig. Einige Schulen stellten die Bedürfnisse der Schüler in den Vordergrund, andere die Ansprüche der Gesellschaft an die Ausbildung der Kinder.

Es zeigte sich, dass es starke Unterschiede zwischen nordwestlichen und südöstlichen Bundesländern gibt. Duzen in Hamburg, Bremen und Niedersachsen zwischen 70 und 90 Prozent der Viertklässler ihre Lehrer, sind es in Bayern etwa 40 und in Sachsen sogar nur 16 Prozent.

Ein Vergleich dieser Ergebnisse mit dem bundesweiten Leistungsvergleich der Länder zeigt die Korrelation zwischen Anrede und Leistung auf.

Steinig betont, dass das Siezen dazu beitrage, die eher formelle und elaborierte Sprache der Schule von der Alltagssprache in der Freizeit und im Elternhaus abzugrenzen, indem es ein höheres Maß an Kontrolle über den eigenen Sprachgebrauch erfordere. Diese fördere dann auch formelle Sprache in der Schriftlichkeit. (zeit.de, augsburger-allgemeine.de, zeit.de)

 

Jamaika

Nach der Bundestagswahl ist der Inselstaat in der Karibik plötzlich wieder in aller Munde, dabei wurde er nicht etwa nach Mallorca zum 18. Bundesland erklärt. Jamaika spricht und schreibt sich einfach schneller als „Koalition aus CDU/CSU, den GRÜNEN und der FDP“. „Erfinder“ dieser Abkürzung ist der Journalist, Fernsehmoderator und Fernsehdirektor des Westdeutschen Rundfunks (WDR) Jörg Schönenborn. Die Entstehungsgeschichte liest sich dabei recht unspektakulär. Man habe „einfach eine Flaggendatenbank durchsucht“. Jamaika sei das einzige farblich passende Land gewesen, das zu finden war. Klangvoller als die unter Journalisten verbreitete Vorgängervariante „Schwampel“ ist das allemal. Außerdem geeignet für allerlei amüsante Artikelüberschriften, wie die Betreiber der Internetseite Über Medien in einer Auflistung aktueller Zeitungsartikel zeigen (uebermedien.de).

Nicht aus der Flaggendatenbank stammt dagegen die neue Aussprache: War bisher die Version „Jaa-mei-kaa“ üblich und richtig, ist neuerdings immer nur von „Tschömm-eika“ die Rede. (merkur.de)

Was es mit der Abkürzung GroKo auf sich hat, können Sie in diesem Infobrief im Beitrag in der Kategorie „Unser Deutsch“ nachlesen.

 

2. Unser Deutsch

GroKo

Diese spöttische Abkürzung für Große Koalition gibt es bereits seit dem 13.6.1969, als die ZEIT die damalige Regierungskoalition von CDU/CSU und SPD kurzerhand Groko nannte, gerne auch mit auffälligem großen K als GroKo geschrieben. Das neue Kurzwort eroberte im Nu die Talkshows und die Zeitungskommentare. 2013 wurde es sogar zum Wort des Jahres gewählt, als Angela Merkel die SPD knapp überholte und fürs Regieren ins Boot nahm.

Was ist das Besondere an diesem Kurzwort? Groko klingt irgendwie lautmalerisch, man weiß aber nicht wonach. Es könnte auch aus Kindermund stammen, man weiß aber nicht wofür. Es ähnelt dem Kroko, hat aber nichts mit dem Krokodilleder zu tun. Das Besondere liegt in der Art der Bildung. Es werden die Rümpfe der beiden Wörter, Gro und Ko – die jeweils erste Silbe, der Rest ist amputiert –, zu einem Kurzwort zusammengefügt. Darin steckt eine Parallele zur Großen Koalition. Groko bildet gleichsam in sprachlicher Form die etwas künstliche Zusammenarbeit der beiden großen Parteien ab. In langen Koalitionsverhandlungen wurde gestutzt und geschönt, bis Groko herauskam.

Im Umfeld der unzähligen Abkürzungen im Deutschen sind diese Kurzwörter eine Ausnahme. Zu vergleichen mit Stuka (für Sturzkampfflieger) und Gestapo (für Geheime Staatspolizei). In meiner Kindheit wanderte ein Eisverkäufer mit Mizentra den Strand entlang. Erst später erfuhr ich, dass dies Eis aus der Milchzentrale stammte. Dem Englischen entlehnt sind ähnliche Bildungen: Hifi (für High fidelity) und die Programmiersprache Fortran (für Formula Translator).

Am häufigsten werden Abkürzungen in fast allen Sprachen aus den Anfangsbuchstaben zusammengesetzt. Es wimmelt im Deutschen von solchen Initialwörtern. Was machten wir ohne Kfz, Bafög und TÜV? Die Langformen Kraftfahrzeug, Bundesausbildungsförderungsgesetz und Technischer Überwachungsverein werden allenfalls in amtlichen Dokumenten benutzt. Ausgesprochen werden diese Abkürzungen nach den Buchstabenzeichen, also kaeffzett für Kfz. Manchmal können die Buchstaben auch phonetisch verbunden werden, so wird der TÜV als tüff gesprochen.

Die seltene, etwas verrückt klingende Bildung GroKo signalisiert auch das Unpassende großer Koalitionen in der Demokratie. Geschätzt werden sie trotzdem.

Horst Haider Munske

Die Artikel der Rubrik „Unser Deutsch“ bieten häufig Anlass zur Diskussion. Wer mitdiskutieren möchte, ist im VDS-Rundbriefforum herzlich dazu eingeladen: http://rundbrief.vds-ev.de.

 

3. Berichte

Sprachperle am Rhein

Der VDS im Dreiländereck (Region 79) hat erstmals den Sprachpreis „Rheinperle“ vergeben. Ausgezeichnet wurde der Friseursalon „Haarschneiderei“ von Bianca Enzmann. Der Preis wird für eine „originelle Namenswahl in Verbindung mit guter Kommunikation, Kundenfreundlichkeit und einem überzeugendem Gesamtbild vergeben“, teilte die Regionalleitung mit. (swr.de)

 

4. VDS-Termine

30. September, Region 79 VDS-Dreiländereck (Lörrach, Waldshut-Tiengen)
Verleihung des Sprachpreises „Rheinperle“ an den Friseursalon „HaarSchneiderei“
Zeit: 10:00 Uhr
Ort: HaarSchneiderei, Hauptstraße 24, 79591 Eimeldingen

2. Oktober, Region 20/22 (Hamburg)
Treffen der Hamburger Regionalgruppe
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis (HH-Wandsbek) Pappelallee 61, 22089 Hamburg

3. Oktober, Region 67,68,69 (Rhein-Neckar)
Mitgliedertreffen
Vortrag Prof. Dr. Walter Krämer (VDS-Vorstandsvorsitzender): „Verlierer sprechen Denglisch – die deutsche Sprache und das Geld“
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Museum Bassermannhaus, Ecke Quadrat C4, 8, 68159 Mannheim

4. Oktober, Region Dänemark
Dänisch-Deutsche Gesellschaft, Tag der deutschen Sprache
Zeit: 19:00 Uhr

5. Oktober, Region 28 (Bremen)
Treffen des Freundeskreises der deutschen Sprache
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant „Platzhirsch“, Ostertorsteinweg 50, 28203 Bremen

6. Oktober, Region 86, 87 (Bayerisch-Schwaben)
Regionalversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Restaurant Berghof, Bergstraße 12, 86199 Augsburg

 

5. Literatur

Leben des Autors

Peter Handke schrieb als einer der bekanntesten zeitgenössischen österreichischen Autoren nicht nur die prominenten Erzählungen Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970) und Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), sondern auch außergewöhnlich viel Tagebuch. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erkennt in diesen Tagebüchern einen Schlüssel für das Verständnis des Werks. Deshalb erwarb es zu den 66 Büchern aus der Zeit vor 1990, die in Marbach zu den meistgenutzten Beständen gehören, 151 weitere aus der Folgezeit. Sie bestehen aus über 23.500 handbeschriebenen Seiten voll von Tagesnotizen, Werkentwürfe und Aphorismen, Notizen zu Reisen, Vokabellisten, Bildbeschreibungen, Naturbeobachtungen, Zeichnungen sowie Überlegungen zu seinen Werken. (deutschlandfunkkultur.de, nzz.ch)

 

Do you sing Deutsch?

Der Rolling Stone, ein bekanntes Musikmagazin, das sich schwerpunktmäßig dem Genre Rock und der dazugehörigen Popkultur widmet, legt seiner neuesten Ausgabe die CD „Do you sing Deutsch?“ mit den deutschen Versionen englischsprachiger Lieder bei. Meist fördern Übersetzungen englischer Poplieder ins Deutsche wenig Bedeutungsschweres zutage. Auf der „Rare-Trax“-Scheibe (in etwa: seltene/außergewöhnliche Musiktitel) fänden sich hingegen zwar skurrile bis unkonventionelle, aber eben auch schöne Verneigungen deutscher und österreichischer Musiker vor ihren Idolen, so der Rolling Stone. Unter anderem ist eine kölsche Variante („Do kanns nix dofür (wenn do dräums)“) der Trinkerballade „Innocent When You Dream“ von Tom Waits zu hören. Bernadette Hengst macht in ihrer Interpretation aus der weiblichen Perspektive aus Johnny Cashs „A Boy Named Sue“ (ein Junge genannt Sue) kurzerhand „Ein Mädchen namens Gerd“. (rollingstone.de, welt.de)

 

 

6. Denglisch

It is not all English what shines

Robert Tonks ist seit Jahren dem Denglisch auf der Spur. Der Deutsch-Waliser arbeitet zwischen Rhein und Ruhr als Politikwissenschaftler und -berater, Übersetzer/Dolmetscher, Ghostwriter und Europareferent in der Duisburger Stadtverwaltung. Nach dem Denglisch-Diplom und – geschuldet der Bologna-Reform – dem Denglisch-Bachelor entwickelte er den Denglisch-Master und stellte sein Buch „The Denglisch Master“ diese Woche in seiner Wahlheimat Duisburg vor. Darin finden sich ein sogenannter „D-IQ-Test“ (Denglisch-Intelligenzquotient) mit Fragen zu 50 abgebildeten denglischen Sprüchen in der deutschen Werbung und Erläuterungen, beispielsweise dazu, warum der Titel der unter Jugendlichen beliebten Filmreihe „Fack ju Göhte“ im englischsprachigen Raum kaum Beachtung findet. (waz.de)


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