Infobrief 395 (1/2018): Sprachwandel in Bildern

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1. Presseschau vom 29. Dezember 2017 bis 4. Januar 2018

  • Sprachwandel in Bildern
  • Leichte Sprache wird Pflicht
  • Die Sprache der Tiere

2. Unser Deutsch

  • Stuhlgang

3. VDS-Termine

4. Literatur

  • Literaturpaten
  • Gedenkstätte erhält Bibliothek

5. Denglisch

  • Adler verloren

 

1. Presseschau vom 29. Dezember 2017 bis 4. Januar 2018

Sprachwandel in Bildern


© pixabay / CC0 1.0 / aaandrea

Emojis, diese kleinen Bilder von stilisierten Gesichtern, Symbolbildchen für Tiere, Pflanzen und Alltagsgegenstände, sind für viele Nutzer von Mobiltelefonen aus ihrer Kommunikation über Kurznachrichtendienste kaum mehr wegzudenken. Ursprünglich in Japan entwickelt, setzt sich die Bezeichnung Emoji aus den japanischen Wörtern „e“ für Bild und „moji“ für Buchstaben zusammen. Die kleinen Zeichen werden weltweit auf unterschiedlichsten Endgeräten genutzt. Damit es nicht zu Missverständnissen kommt, weil ein Bild von verschiedenen Systemen unterschiedlich abgebildet wird, sind sie im globalen Unicode-Standard verbrieft. Über diesen wacht ein gemeinnütziges Konsortium, das aber hauptsächlich aus Mitarbeitern großer Unternehmen wie Apple, Google und Facebook besteht. Jedermann darf Vorschläge für neue Emojis einreichen, die Umsetzung dieser Vorschläge hängt jedoch von vielen Regeln ab: So müssen die Zeichen international verstanden werden, sie dürfen nicht zu spezifisch sein – also keine Logos oder konkrete Personen – und keine Gottheiten abbilden. Häufig gibt es kontroverse Diskussionen über einen Vorschlag, denn durch Auswahl und Gestaltung der Emojis prägt das Beschlussgremium schließlich die Mediennutzung und kulturabhängige Bedeutungen auf der ganzen Welt und in vielen Sprachen. Dies betrifft auch Geschlechterrollen in der Gesellschaft. So tauchten Frauen in den ersten Symbolbildchen nur als Braut auf. Mittlerweile gibt es weibliche Figuren in verschiedenen Zusammenhängen und Berufen. Amy Butcher, Professorin an der Ohio-Wesleyan-Universität in den USA, erklärt im ZDF: „Diese kleinen, unscheinbaren Bilder fangen an, eine tägliche Geschichte zu erzählen. Und es ist höchst problematisch, wenn manche Menschen ihre Identität oder ihr demografisches Profil dort dauerhaft nicht wiederfinden.“ (zdf.de)

 

Leichte Sprache wird Pflicht

Nach einigen misslungenen Versuchen von Behörden, allgemeine Regeln für die sogenannte „Leichte Sprache“ zu formulieren, sollen nun in einem bundesweiten Projekt Fachkräfte für Leichte Sprache ausgebildet werden. Die Umformulierung beispielsweise von Anträgen und Broschüren soll vor allem Menschen mit Behinderungen, Demenzkranken und Ausländern das Verstehen erleichtern. Der Ausbildungsgang geht auf eine Änderung des Behindertengleichstellungsgesetzes zum Jahresbeginn 2018 zurück, die Bundesbehörden zum Ausbau der Nutzung Leichter Sprache verpflichtet.

An der Ausbildung werden zunächst zwölf Personen mit Lernschwierigkeiten teilnehmen. In einer Fachabteilung für leicht verständliche Sprache der Augsburger Caritas arbeiten schon länger Menschen mit Lernschwierigkeiten mit Sozialpädagogen in einem Team, um komplizierte in einfache Texte zu übersetzen, ohne sich dabei zu weit von der Standardsprache zu entfernen, etwa durch die Verwendung zu vieler Bindestriche, die Wörter womöglich an der falschen Stelle trennen.

Im Frühjahr 2017 hatte der VDS die in Leichter Sprache verfasste Wahlbenachrichtigung zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein wegen missverständlicher Formulierungen kritisiert. (stern.de, welt.de, deutschlandfunkkultur.de)

 

Die Sprache der Tiere

Ganz so gut wie im bekannten Film „Doktor Doolittle“ funktioniert die Kommunikation zwischen Mensch und Tier noch nicht. Die Fähigkeit, Tiere verstehen zu können, übt jedoch einen Reiz nicht nur auf Besitzer von Hunden und Katzen aus. Was jedem Menschen mit tierischen Mitbewohnern geläufig ist, sind die verschiedenen nonverbalen Kommunikationsmittel, vom Ohrenanlegen bis zum Katzenbuckel. Peter Wohlleben ordnet diese und anderer Signale in der Wissenssparte von ZEIT-Online als eine tierische Sprache ein. Anlass dazu gibt ihm eine Studie der ETH Zürich. Darin stellten die Forscher fest, dass Pferde nicht nur tief oder hoch wiehern können. Je nach Botschaft und Stimmung variieren die Anteile von Tonfrequenzen und die Tonhöhe. Dies gelingt durch die parallele Erzeugung verschiedener Töne mit Kehlkopf und Stimmbändern. Menschen müssen dafür die Kunst des Kehlkopfgesanges erst mühevoll trainieren. (zeit.de)

 

2. Unser Deutsch

Stuhlgang

„Wann hatten Sie zuletzt Stuhlgang?“, fragt der Arzt den Patienten. Die meisten wissen dann, was gemeint ist. Sie sind schon vertraut mit den Umschreibungen unsäglicher Sachverhalte seitens der Mediziner. Jugendliche Besucher der Praxis drucksen vielleicht etwas herum. „Na, wann waren Sie zuletzt auf dem Klo?“, verdeutlicht der Doktor. Aber wieso bezeichnet er die ‚Entleerung des Leibes‘ (so die Wörterbücher) als Stuhlgang? Das Grimm’sche Wörterbuch hilft weiter. Es geht um den Nachtstuhl, einen Stuhl mit Loch, wie man das noch von einigen Kinderstühlen älterer Bauart kennt. Sie dienten im Mittelalter der Verrichtung der Notdurft. Der Gang zum Stuhl, der Stuhlgang, war zugleich verhüllende Bezeichnung für die Tätigkeit auf diesem Stuhle.

Ähnlich wird das Wort Stuhl verwendet. „Hatten Sie einen harten oder einen flüssigen Stuhl?“, fragt der Arzt mit der Selbstverständlichkeit, in der Mediziner über alles Menschliche reden. Gemeint sind die humanen Exkremente, der Menschenkot, kurz die Scheiße, die man so nicht nennen darf. Im Mittelalter war man da weniger zimperlich. Es gab den Kackstuhl zum Kacken. Erst das bürgerliche Zeitalter hat die Verbotstafeln aufgestellt für alle Tätigkeiten und die beteiligten Körperteile zwischen Kinn und Knöchel.

Doch ist uns außer medizinischer Verhüllung noch etwas anderes im Sprachschatz verblieben, was mit dem Stuhlgang zusammenhängt. „Komm zu Stuhle!“ kann man einem langsamen Zeitgenossen zurufen. Und man meint „mach hin!“ Zu anderen sagt man dann „der kommt einfach nicht zu Stuhle“. Wer denkt hier noch an einen mühsamen Aufenthalt auf dem Örtchen? Verständlicher ist dagegen der Ausdruck mit plattdeutschem Kernwort: „Nun komm schon zu Potte!“ Wer hätte nicht, Vater oder Mutter oder eine Generation darüber, einen Kleinen oder eine süße Kleine angelernt, zu Potte zu kommen? Beim Umgang mit Kindern braucht die Sprache keine Verrenkungen zu machen.

Ihr Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. VDS-Termine

8. Januar, Deutsches Musikradio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Stefan Ludwig und Holger Klatte
Sendungsseite: http://www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr

8.Januar, Region 42 (Bergisch-Land)
Treffen des VDS-Vorstands der Region 42 (Bergisch-Land)
(Die Sitzung ist für alle VDS-Mitglieder offen)
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

10. Januar, Region 59 (Hamm, Unna, Arnsberg)
Gesprächsrunde zur Beratung über eine Aktion gegen den Rundfunkrat des WDR in Köln wegen der Verwendung von Anglizismen und dem Spielen fast ausschließlich englischsprachiger Musik
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Wittekindshof, Westfalendamm 270, 44287 Dortmund

10. Januar, Region 04 (Leipzig)
Vortrag: Frau Dr. Ruth Geier zum Thema „Deutsch heute – Sprachwandel oder Sprachverfall“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Augusteum der Universität Leipzig, Raum A 122, Augustusplatz 11, 04109 Leipzig

11. Januar, Region 70,71,73,74 (Stuttgart / Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Straße 46, 70178 Stuttgart

 

4. Literatur

Literaturpaten

Das Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder möchte einen Brief mit der Handschrift des Schriftstellers Heinrich von Kleist erwerben. Da hierfür der Etat des Museums nicht ausreicht, wurde eine ungewöhnliche Spendenaktion gestartet. Interessierte können gegen eine Spende „Paten“ werden – für Wörter, Zahlen oder auch einzelne Satzzeichen des Briefs. Sie erhalten dann ein Passepartout mit einer Nachbildung sowie einer Umschrift, „ein Stück Kleist“, wie das Motto der Aktion verspricht. Die Unterschrift „Heinrich“ ist bereits vergriffen, diese sicherte sich gegen einen Betrag von 300 Euro der Oberbürgermeister der Stadt, Martin Wilke. (deutschlandfunkkultur.de)

 

Gedenkstätte erhält Bibliothek

Die rund 3300 Bücher umfassende Sammlung des jüdischen Schriftstellers Ralph Giordano wird ab dem 16. Februar in der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme in der dort eröffnenden Ralph-Giordano-Bibliothek ausgestellt. Giordano, seine zwei Brüder und die Eltern überlebten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, indem sie sich mehrere Monate bis zur Befreiung durch die Briten in einem Hamburger Keller versteckten. Nach Kriegsende arbeitete Giordano als Journalist und Filmemacher. 1988 wurde sein 1982 erschienener autobiografischer Roman „Die Bertinis“, an dem er mehrere Jahrzehnte lang gearbeitet hatte, für das ZDF verfilmt. (deutschlandfunkkultur.de)

 

5. Denglisch

Adler verloren

Mit einzelnen englischen Wörtern, die quasi als Fachausdrücke mit einer besonders im englischsprachigen Ausland populären Sportart eingeführt werden, rechnet man beim Eishockey schon durch die Bezeichnung. Die Rhein-Neckar-Zeitung zeigt, wie sich durch das Zusammenspiel der Eishockey-Anglizismen, für die teilweise sogar recht geläufige deutsche Wörter existierten (Powerplay – Überzahlspiel), und dem allgemeinen Trend zur Verwendung von Denglisch in der Bezeichnung von Kleidung (Hoody – Kapuzenpullover), Verkaufsständen (Merchandise-Shop), in der Bewerbung von Vorverkäufen (early bird – früher Vogel), der Besuch eines Eishockeyspiels ein Spießrutenlauf im Irrgarten der deutschen Sprache entwickeln kann. Sarkastisch fragt der Autor, Rainer Kundel, am Ende nach einer passenden Übersetzung für die aktuelle Niederlagenserie der Adler Mannheim. Sein Vorschlag: „Eagles are lost in translation“ (Adler bei Übersetzung verloren). (rnz.de)


 

RECHTLICHE HINWEISE

Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

© Verein Deutsche Sprache e. V.