Infobrief 419 (25/2018): Macron will Englisch als EU-Arbeitssprache abschaffen

Drucken

1. Presseschau vom 15. Juni bis 21. Juni 2018

  •  Macron will Englisch als EU-Arbeitssprache abschaffen
  •  Deutschkenntnisse
  •  Das Aussterben der deutschen Sprache
  •  Versemmelt

2. Unser Deutsch

  •  Nachverdichtung

3. Berichte

  •  Mumpitz beim DFB
  •  Deutsche Sprachtage in Offenburg
  •  Abiturienten ausgezeichnet

4. VDS-Termine

5. Literatur

  •  Früh übt sich

6. Denglisch

  •  Leichenbeschau der deutschen Sprache

 

1. Presseschau vom 15. Juni bis 21. Juni 2018

Macron will Englisch als EU-Arbeitssprache abschaffen


Bildquelle: Wikimedia, Autor: Пресс-служба Президента Российской Федерации, CC BY 4.0-Lizenz

Auf Grundlage eines Artikels der Zeitung The Wall Street Journal meldet das Online-Magazin Sputnik, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron plant, Englisch nach dem Brexit als EU-Arbeitssprache abzuschaffen und zu dem Verfahren vom Jahr 1973 zurückzukehren, als die französische Sprache als Hauptarbeitssprache  in den EU-Institutionen diente. EU-Kommissar Jean-Claude Juncker soll dieser Position zugestimmt haben. Damit könnte sich dieser EU-Sprachenstreit erneut verschärfen. Bereits im April hatte Frankreichs EU-Botschafter Philippe Léglise-Costa ein Treffen verlassen, auf dem nur auf Englisch verhandelt werden sollte. (wsj.com, de.sputniknews.com, thesun.co.uk, politico.eu)

Korrektur 22.06.2018: In der ersten Fassung dieses Artikels wurde die Bezeichnung ‚EU-Amtssprache‘ der Sputnik-Schlagzeile verwendet. Gemeint war aber wohl ‚EU-Arbeitssprache‘.

 

Deutschkenntnisse

In einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts wurde die Forderung nach „sehr guten Deutsch- und Englischkenntnissen“ in einer Stellenausschreibung als zulässig eingestuft. Geklagt hatte eine Bewerberin, die sich unter anderem von dieser Formulierung wegen ihrer russischen Herkunft ethnisch benachteiligt fühlte. Dem Unternehmen zufolge fehlte der Frau jedoch die objektive Eignung für die ausgeschriebene Stelle. Aus Sicht der Richter sei im Text der Stellenanzeige keine Diskriminierung ersichtlich. Die Forderung nach guten Sprachkenntnissen reiche nicht aus, um die Bevorzugung oder Benachteiligung einer Ethnie zu unterstellen. (today.hogapage.de, saarbruecker-zeitung.de)

 

Das Aussterben der deutschen Sprache

Der Schriftsteller und Übersetzer Eugen Ruge (Deutscher Buchpreis 2011 für In Zeiten abnehmenden Lichts) äußerte in einem Gespräch auf DLF Kultur seine Befürchtung, dass bereits in unmittelbarer Zukunft Englisch unsere Arbeits- und Deutsch nur noch Privatsprache sei. Als Ursache nannte er den kulturellen Angleichungsdruck durch die Globalisierung.

Wie bereits ausführlich in seiner Dresdner Rede im Februar 2018 vorgetragen, geht er davon aus, dass bereits in dem überschaubaren Zeitraum von 300 Jahren mit dem Aussterben der deutschen Sprache zu rechnen ist und heutige Bücher dann nur noch von Spezialisten entziffert werden können. Als Schriftsteller empfindet er das als bedrückend und seine Tätigkeit deshalb als perspektivlos.

Der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein hat mit seiner Forschung am Beispiel Papua-Neuguinea nachgewiesen, dass eine Sprachgruppe die eigene Sprache aufgeben kann, um das ökonomische Überleben seiner Nachkommen zu sichern. Eugen Ruge zitierte in diesem Zusammenhang Peter Sloterdijk, der vor Jahren den Satz formuliert hat „Deutsch ist eine Sprache zum Bestellen von Socken in Taiwan.“ Inzwischen ist diese Aussage vollkommen obsolet. In den deutschen Sockenabteilungen findet man nur noch irgendwelche Produkte mit englischen Fantasienamen, deren Zusammensetzung ohne Englisch-Kenntnisse nicht entschlüsselt werden kann. (deutschlandfunkkultur.de, staatsschauspiel-dresden.de/…/dresdner_reden_2018)

 

Versemmelt

Nachdem das Fußballfieber mit Beginn der Weltmeisterschaft nun langsam steigt, die deutsche Nationalmannschaft ihr erstes Spiel gründlich versemmelt hat und der Bundestrainer „Jogi“ Löw sicherlich noch etwas an seinem Masterplan feilt, lohnt es sich, die Wartezeit bis zum nächsten Spiel mit dem Thema Fußball und Sprache zu verbringen.

Der Berliner Linguist Simon Meier hat 185 deutsche Synonyme fürs Toreschießen durch Auswertung von Live-Ticker-Meldungen gesammelt. Von bringen, buttern, legen, hämmern und dreschen bis zimmern. Auch Wortschöpfungen wie stehgeigen und schlenzschäkern sind dabei. Alle diese Wörter kann man in seinem Blog fussballlinguistik.de nachlesen. Der Sprachwissenschaftler an der TU Berlin findet Fußballsprache auch deshalb interessant, weil sie eine Art Parallelsprache bildet. In ihr kommen viele Wendungen aus der Alltagssprache zum Einsatz wie zum Beispiel abstauben oder mit angezogener Handbremse spielen. Umgekehrt wandern auch viele Metaphern wie die Rote Karte in den normalen Sprachgebrauch.

Der Schriftsteller Jürgen Roth beschäftigt sich ebenfalls seit Jahren mit dem Thema Fußball und Sprache und kommt zu einem vernichtenden Urteil über die Qualität der Fußballberichterstattung: „Das ist alles sprachlicher Schrott!“ Er bezeichnet viele Berichte als Anschleimeritis und vermisst kritische Berichterstattung. Zudem beklagt er die heutige künstliche Aufgeregtheit in den Reportagen und wünscht sich in den Übertragungen die Vermeidung jeglicher Erregung, Übersteigerung und Aufstachelungs-Rhetorik.

In einem Interview von Deutschland Radio Kultur mit dem Sportphilosophen Gunter Gebauer kommen noch unschönere Aspekte der Fußballsprache auf den Tisch: „Es geht oft um Genitalien, um Courage und Männlichkeit“. Gebauer erklärt, warum die Supermachosprüche immer noch beliebt sind, und stellt fest „Die Sprache ist insgesamt etwas brutaler geworden“.

Fußballsprüche gibt es tausende, die Seite t-online hat die schönsten gesammelt. Falls sich die deutsche Mannschaft am kommenden Samstag nicht für ein paar der oben erwähnten Synonyme entscheiden möchte, kann sie sich vielleicht nach dem Spiel mit diesem Spruch trösten: „Verlieren ist wie gewinnen, nur umgekehrt“. (pnn.de, sueddeutsche.de, deutschlandfunkkultur.de)

 

2. Unser Deutsch

Nachverdichtung

Ein Neuwort des Bauwesens und kommunaler Stadtplanung. Ein neuer Sammelbegriff, der Architekten, Bauleute, Politiker und Immobilienbesitzer zu Aktivitäten beflügelt. Ein ungewöhnliches Wort, das aus einem Adjektiv, zwei Präfixen und einem Suffix zusammengesetzt ist, ein Wort, das zeigt, was deutsche Wortbildung kann, wenn ein Bedarf für eine innovative Bezeichnung besteht.

Zugrunde liegt das Adjektiv dicht, aus dem mit Hilfe des Präfixes ver- das Verb verdichten gebildet wurde, und zwar in resultativer Bedeutung‚ also ergebnisbezogen: ‚etwas dicht machen‘. Erst jüngst – den Wörterbüchern noch fremd – wurde dies Verb weitergebildet mit dem Präfix –nach. Dies wird verwendet um eine örtliche oder zeitliche Reihenfolge zu bezeichnen. Nach- steht für ‚hinterher‘ bzw. für ‚danach‘, zum Beispiel in nachlaufen, nachsenden, nachdrucken oder (zeitlich) nachbehandeln, nachbestellen, nachverhandeln. Ein Gegenstück kann mit vor- gebildet werden. So gibt es Gegensatzpaare wie vorbehandeln/nachbehandeln, vorbestellen/nachbestellen. Unser nachverdichten entspricht diesem produktiven Wortbildungsmuster. Allerdings wird das Verb selten gebraucht, gängig ist nur das Substantiv, das Verbalabstraktum Nachverdichtung. Damit sind wir in der Behörden- und Gesetzessprache, die abstrakte Begriffe benötigt. Der verbale Charakter bleibt bei diesen Abstraktbildungen erhalten, gleichsam als Handlungsanweisung, als Planung, als Ziel kommunaler Bauordnung.

Worum geht es? In Zeiten hoher Grundstückspreise und der Kritik an wachsender Zersiedelung der Landschaft suchen die Kommunen nach anderen Wegen, den Wohnungsbau anzukurbeln. Ein Beispiel: In meiner Nachbarschaft kam eine Architektenvilla auf großem Grundstück zum Verkauf: Jetzt entstehen auf gleicher Fläche 14 Eigentumswohnungen in zwei dreistöckigen Blöcken. Kanal, Strom, Wasser, Straße – die ganze Infrastruktur ist schon vorhanden. An anderer Stelle wird ein großer Garten, den niemand mehr bewirtschaften möchte, für einen Neubau genutzt (sogenannte Hinterlandbebauung). Viel diskutiert wird der Flächenverbrauch der Supermärkte mit ihren Flachbauten und großen Parkplätzen. Warum nicht höher bauen und Wohnraum schaffen (sogenannte Aufstockung)? Lücken schließen, Aufstocken, Abbruch + Neubau – das sind die gängigen Formen der Nachverdichtung. Denn dicht war die Bebauung schon vorher. Jetzt, danach, wird weiter verdichtet. Kritik wird bisher nur verhalten laut: Auch das ist Flächenversiegelung, Vegetationsvernichtung, Raub am Lebensraum von Vögeln und Insekten. Es führt auch zu wachsender Verkehrsdichte. Idyllische Vorstädte könnten zu Massenquartieren werden. Das neue Schlagwort ist zum Instrument der Politik und der Versilberung von knappem Grundbesitz geworden.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Mumpitz beim DFB

Mit seinem Mannschaftsspruch „Best neVer rest“ führt der DFB in diesem Jahr die Sprachpanscherwahl des Vereins Deutsche Sprache an. Zustimmung gab es dafür vom Hamburger Abendblatt, das dem Slogan gute Chancen für die Erstplatzierung des Negativpreises zuspricht, der besonders schlecht getextete Werbung „auszeichnet“. Der Spruch sei nicht nur ein „rumpelnder Versuch, kosmopolitisch zu klingen“, sondern für die meisten auch ziemlich erklärungsbedürftig. Denn das V sei kein Buchstabe, sondern eine römische Fünf in Anspielung auf den fünften WM-Titel. „Wäre diese Logik entscheidend aufm Platz, dann wäre sie: ein Eigentor“, witzelt das Abendblatt. (abendblatt.de)

 

Deutsche Sprachtage in Offenburg

Über die Deutschen Sprachtage, die vom 21. bis zum 23. Juni in Offenburg stattfinden, berichtete in dieser Woche baden online. Unter dem Motto „Elsässische Kultur und Zweisprachigkeit am Oberrhein“ kommen in den nächsten Tagen Vertreter des Vereins Deutsche Sprache aus der ganzen Welt zusammen. Zur feierlichen Eröffnung wird auch der Präsident der Elsass-Union in New York und des Internationalen Fonds für elsässische Sprache, Thierry Kranzer, erwartet. (bo.de)

 

Abiturienten ausgezeichnet

Der Verein Deutsche Sprache zeichnete die diesjährigen Abiturienten für besonders gute Leistungen im Fach Deutsch aus. Über 500 Schulen nahmen das Angebot an, Schüler und Schülerinnen, die durch hervorragende Noten und den bewussten Umgang mit der deutschen Sprache aufgefallen waren, mit einer Urkunde und einer Ausgabe der „Sternstunden“ zu ehren. (echo-online.de)

 

4. VDS-Termine

21.-23. Juni, Deutsche Sprachtage 2018 in Offenburg
Elsässische Kultur und Zweisprachigkeit am Oberrhein

23.-24. Juni, Region 01 (Dresden, Riesa)
Elbhangfest – Informationsstand des VDS
Schwerpunkte: Deutsch ins Grundgesetz, Gendersprache

25. Juni, Deutsches Musik Radio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Alina Letzel und Stefan Ludwig
Schwerpunkt: Sprachpanscher
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr
Sendungsseite: http://www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/

27. Juni, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

27. Juni, Region 84 (Landshut, Niederbayern)
Leselupe: Zusammenkunft für literarisch interessierte Menschen, jeder der Anwesenden kann einen sprachlich oder inhaltlich beeindruckenden Text vortragen;
Zusammenarbeit des VDS mit dem Evangelischen Bildungswerk Landshut e. V.
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Evangelisches Bildungswerk Landshut, Luitpoldstraße 3 (II. Stock), 84034 Landshut

 

5. Literatur

Früh übt sich

Dass sich politisch, klimatisch und gesellschaftlich momentan viel entwickelt, bekommen auch Kinder zu spüren. Umso wichtiger ist es, ihnen diese Themen auf anschauliche und verständliche Weise zu erklären. Gerade in den letzten Jahren ist so eine Vielzahl neuer Kinderbücher entstanden, die nicht nur weit über eine Aufklärung zur deutschen Geschichte hinausgehen, sondern auch komplexe Diskurse zu „Populismus, Fake-News und Extremismus“ für Kinder begreifbar machen. Deutschlandfunk Kultur hat einige von ihnen vorgestellt, darunter die Sachbuchreihe „Carlsen Klartext“ und das Kinderbuch „Der Junge im Rock“, das für Toleranz und Anderssein wirbt. Besonders Menschenrechte und uneingeschränkte Freiheit sind in der neuen Kinderbuchgeneration ein großes Thema, beispielsweise in „Frei und gleich geboren“ oder dem Buch „Malalas magischer Stift“ der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai. Demokratie zu schätzen und zu verteidigen, das sind die Aussagen der Bücher, die so schon früh lehren, für sich und andere einzustehen. (deutschlandfunkkultur.de)

 

6. Denglisch

Leichenbeschau der deutschen Sprache

Gerade jetzt, zur WM, findet wieder allerorts das Phänomen der öffentlichen Leichenbeschau statt. Nicht nur das sogenannte „Public Viewing“ ist ein Beweis für irrsinniges Denglisch und den peinlichen Versuch, durch einen englisch anmutenden Wortschatz möglichst weltgewandt zu wirken, auch Begriffe wie „Shitstorm“ oder „Handy“ gibt es schlichtweg im englischen Sprachraum nicht. „Das Erfinden englisch klingender Pseudoanglizismen ist peinlich und zeugt von einer kulturellen Unterwürfigkeit“, schreibt der Zürcher Unterländer und schiebt nach: „Wenn Sie das nächste Mal über den Begriff ‚Public Viewing‘ stolpern, dann halten sie kurz inne und gedenken sie der deutschen Sprache, die vor Ihnen aufgebahrt liegt.“ (zuonline.ch)

 


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

RECHTLICHE HINWEISE
Bitte antworten Sie nur dann auf diesen Infobrief, wenn Sie ihn abbestellen oder eine neue E-Post-Adresse angeben wollen.

Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch

© Verein Deutsche Sprache e. V.