AG Sprachkultur

„Der Kampf um Geldwertstabilität – Kritische Anmerkungen zur Sprache der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Medien“

In seinem Vortrag wird Prof. Kerber die Sprache von EZB und Medien mit der ursprünglichen Zielsetzung und der aktuellen Realität der Europäischen Währungsunion vergleichen. Angesichts der in den letzten Jahren eingetretenen Geldentwertung verdienen seine Ausführungen besondere Aufmerksamkeit.

Zur Person: Dr. Marcus C. Kerber ist Professor für öffentliche Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik an der Technischen Universität Berlin. 1998 gründete er den interdisziplinären Thinktank Europolis, um
an der Neuausrichtung der europäischen Ordnungspolitik mitzuarbeiten.
In zahlreichen Publikationen und vor dem Bundesverfassungsgericht engagierte er sich für die Erhaltung der Grundlagen einer stabilen Währung. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte ihm, er habe „in der Sache zur Klärung von Fragen von grundsätzlicher Bedeutung beigetragen“.

Publikationen von Prof. Kerber zum Thema:

Aktuelle Publikation:

Ort: Hotel Arcotel John F
Werderscher Markt 11, 10117 Berlin
Lage: google.com/maps

Hinweis: Das Hotel ist ganz in der Nähe unseres bisherigen Veranstaltungsortes Landesbibliothek. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut über U-Bahn-Station Museumsinsel erreichbar. Bei Anreise mit dem Auto bietet sich das Parkhaus Q-Park an. Lage Q-Park: google.com/maps

Anmeldung erbeten unter: ag-sprachkultur@vds-ev.de

Die Veranstaltung ist kostenlos für Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache (VDS) und ihre Begleitung.

Ich freue mich auf eine interessante Veranstaltung am 15. Januar 2024!

Bei den zahlreichen Teilnehmern der Veranstaltungen der AG Sprachkultur in 2023 möchte ich mich für das Interesse sehr herzlich bedanken! Auch im Namen meiner Mitstreiter Susanne Schröder, Prof. Dr. Ernest Hess-Lüttich und Michael Hornhardt wünsche ich Ihnen ein Frohes Weihnachtsfest und einen „Guten Rutsch“.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Jürgen Doeblin

Leiter AG Sprachkultur des VDS
Mitglied im VDS-Vorstand Berlin/Potsdam

Vorstellung eines Textes von Friedrich Dürrenmatt durch Prof. Hess-Lüttich am 13. Dezember 2023

Prof. Dr. Ernest W.B. Hess-Lüttich – Mitglied des VDS – wird uns einen Text von Friedrich Dürrenmatt vorstellen, der durchaus Bezüge zur Gegenwart enthält:

Viren, Farben und Moral

Eine Parabel von Friedrich Dürrenmatt gegen Rassismus und die Diskursethik der Corona-Krise

Prof. Hess-Lüttich: „Seuchen sind seit je auch ein Thema der Literatur (von Sophokles bis Philipp Roth). Deshalb möchte ich vor dem Hintergrund der jüngsten Erfahrungen mit einer Pandemie einerseits und unter dem Eindruck der anti-israelischen Proteste (‚Apartheitsstaat‘) andererseits einen nahezu unbekannten Text von Friedrich Dürrenmatt („Ein Virus in Südafrika“) aus der Zeit der historischen Apartheit in Südafrika zum Anlass nehmen, nicht nur an ein frühes Beispiel literarischer Problematisierung diskursethischer Dilemmata bei Gesundheitskrisen zu erinnern, sondern auch die kontroversen Positionen der anhaltenden Rassismus-Diskussion im Bezirk der sog. Postcolonial Studies kritisch zu reflektieren.“

Zur Person von Ernest Hess-Lüttich: Univ.-Prof. Dr., Germanist m. Schwerpunkt Diskurs-/Dialogforschung, Hon.Prof. TU Berlin (seit 2015), UCT Kapstadt (seit 2020) u. Stellenbosch (bis 2017), Autor/Hrsg. v. 70 Büchern u. Editionen, Verf. v. ca. 400 Aufsätzen (zur sozialen, literarischen, ästhetischen, intermedialen, interkulturellen, intra-/subkulturellen, institutionellen, fachlichen, öffentlichen, politischen, urbanen Kommunikation), Hrsg. div. Zeitschriften u. Buchreihen, (Vize-)Präsident u. Ehrenmitglied div. Fachgesellschaften u. Advisory od. Editorial Boards, Gastprof. an zahlreichen Universitäten in Europa, Amerika, Afrika, Asien, Australien.

Im Anschluss an den Vortrag von Prof. Hess-Lüttich möchte ich Ihnen – jahreszeitgemäß – noch einige Passagen aus historischen weihnachtsbezogenen Reden und Schriften vorstellen.


Ort: Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Kleiner Säulensaal
Breite Str. 36
10178 Berlin

Lage: maps.google.de.

Anmerkung: Zugang nicht über den Haupteingang der Bibliothek, sondern über den Seiteneingang (vom Haupteingang ca. 100m Richtung Humboldt Forum).

Freier Eintritt.

Prof. Dr. Jürgen Doeblin
Leiter AG Sprachkultur im VDS


Video zur Veranstaltung mit Prof. Walter Krämer, Vorsitzenden des VDS
Der Krieg der Wörter – ein Bericht von der Genderfront“´

youtube.com


Nachlese zur Veranstaltung „Gespräch mit Gästen aus Afrika zum Unterricht der deutschen Sprache“ vom 30. Mai 2023 in Berlin

Treffen vom 30.05.2023 im Kleinen Säulensaal der Berliner Zentral- und Landesbibliothek

Susanne Schroeder (Beisitzerin VDS-Vorstand der Region Berlin/Potsdam) fasste die Ergebnisse der VDS-Sprachtage, die vom 25.-28.5. in Mainz stattgefunden haben, zusammen. Sie betonte die Rolle des VDS im Ausland, denn die Hälfte der Mitglieder im VDS stammen aus dem Ausland. Dieses Jahr waren Delegierte aus 16 Ländern anwesend.

Die VDS-Regionalleiter aus

  • Benin, Mahuwèna Crespin Gohoungodji
    und aus
  • Ghana, Gottlieb Humbert Amoney Neequaye

stellten ihre Länder und die Situation der Deutschen Sprache und die VDS-Aktivitäten zur Förderung und Erhaltung der Deutschen Sprache und Kultur in ihren Ländern vor.


Benin und Ghana liegen beide in Westafrika und haben beide eine Deutsche Botschaft, die u.a. VDS-Veranstaltungen fördert.

  • Unterricht:

Benin bietet in allen Schulen und Hochschulen Deutschunterricht an.

In Ghana gibt es dagegen keinen Deutschunterricht in den öffentlichen Schulen sowie in den Universitäten, sondern nur in privaten Schulen. Diese Situation führt in Ghana zu einem Deutschlehrermangel, der ein Sinken der Deutschlernendenzahlen zur Folge hat. Hinzu kommt es, dass aktuell die Spanische Sprache immer beliebter wird.

  • VDS-Aktivitäten:

Zur Koordination in Benin der VDS-Aktivitäten muß sich der Regionalleiter an das Goethe Institut im Nachbarland Togo wenden, denn Benin hat kein Goethe-Institut.

In Ghana dagegen ist das Goethe-Institut vor Ort, so dass der Deutsch-Unterricht sowie die Förderung der VDS-Veranstaltungen erfolgen.

Die VDS-Regionalleiter dieser beiden Länder organisieren folgende Aktivitäten:

1) den jährlichen Tag der deutschen Sprache,

2) Gedichtwettbewerbe,
3) Preisverleihungen

4) Lehrertreffen, etc.

In Planung zur Erhöhung der Motivation der Lernenden ist eine Deutsch-Afrikanische Schulpartnerschaft und die Optimierung der der Zusammenarbeit zwischen dem VDS und den Goethe-Instituten.


Herr Gohoungodji ist parallel dazu auch Geschäftsführer der Nicht-Regierungs-Organisation HUENUSU, die Projekte in den Bereichen Bildung, Soziales, Gesundheit, der Schul- und Gemeindeinfrastruktur, Stärkung der Frauen, Menschenrechte, Umwelt, Landwirtschaft und kulturelle Vielfalt durchführt.

Protokollantin: Susanne Schröder


Nachlese zur Veranstaltung „Heinrich Heine, der Sprachmagier“ vom 27. April 2023 in Berlin

Der VDS hat sich die Pflege der deutschen Sprache zur Aufgabe gestellt, und er leistet diese Aufgabe auf vielfältige Weise, im In- und Ausland. In den letzten Jahren ist für den VDS die Auseinandersetzung mit der Gendersprache in den Mittelpunkt gerückt – darüber hat zuletzt die Presse in Berlin ausführlich berichtet. Aber gerade wegen den von der Gendersprache ausgehenden Gefährdungen der deutschen Sprache wollen wir die Erinnerung an die großen Schriftsteller, Literaten, Poeten, Lyriker wachhalten, die die deutsche Sprache seit vielen Jahrhunderten prägten und bereicherten. Das von ihnen geschaffene Sprachgut sollten wir hegen und pflegen – und verteidigen.

In diesem Jahr möchten wir uns dem besonderen Aspekt dem Thema „Jüdische Beiträge zur deutschen Sprache“ widmen. Warum gerade „jüdische Beiträge“, und warum heute Heinrich Heine? Jüdische Literaten in Deutschland (und auch in anderen Ländern) standen in der Vergangenheit – schon weit vor dem Grauen des Dritten Reiches – oft in einem von ihnen selbst nicht gewollten Spannungsverhältnis zur christlichen Mehrheitsgesellschaft. Ihre Liebe zur deutschen Sprache blieb nicht erhört, ja sie wurde häufig mit Ablehnung beantwortet. Aus diesem Spannungsverhältnis, aus dem Schmerz über die Ablehnung erwuchsen viele bedeutende literarische Werke jüdischer Deutscher oder deutscher Juden, darunter eben auch von Heinrich Heine, dem nicht einmal die Taufe die verdiente Anerkennung einbrachte.

Unsere heutige Referentin ist Frau Dr. Elvira Grözinger, die in besonderer Weise für das Thema qualifiziert ist.

Sie hat sich über viele Jahre hinweg mit Heinrich Heine beschäftigt, mit ihm auseinandergesetzt.

Frau Dr. Elvira Grözinger hat in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin promoviert, nach Studien an den Universitäten in Jerusalem, Heidelberg und Frankfurt.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören jüdische Literaturen in verschiedenen Sprachen, osteuropäische jüdische Volksmusik sowie das jiddische Theater.

Zu ihren Publikationen zählen 9 Bücher, über 300 Aufsätze und Buchrezensionen sowie Übersetzungen. Mehrere Aufsätze hat sie Heinrich Heine gewidmet, u.a. im Heine Jahrbuch, und verschiedenen Sammelwerken.

Heinrich – als Harry Heine 1797 in Düsseldorf geboren -, gestorben 1856 in Paris, hieß ab 1825 nach evangelischer Taufe, die er aber schnell bereute, Christian Johann Heinrich. Als Heinrich Heine wird er zu den bedeutendsten deutschen Dichtern, Schriftstellern und Journalisten des 19. Jahrhunderts gezählt. Die meisten Jahre seines Schriftstellerlebens waren dem Kampf gegen die preußische Zensur gewidmet, die ihn, als kritischen Autor, besonders häufig unter die Lupe nahm und seine Schriften verboten hatte.

Heines Beitrag zur deutschen Sprache ist unermesslich, er erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte, elegante Leichtigkeit. Seine Gedichte wurden wie kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache zu Volksliedern, vor allem die „Loreley“, und seine Werke so häufig übersetzt – und vertont, sogar in Japan und China!

Heine war bereits in seinen jungen Jahren ein belesener Magier der Sprache, der deutschen Sprache, ein Leben lang, wiewohl er ab 1831 in den Jahren des Pariser Exils auch in Französisch publizierte. Er selbst bezeichnete sich als „deutscher Dichter“, der die deutsche Sprache als das „heiligste Gut“ betrachtet. Im Jahre 1820 schrieb er in einem kurzen pointierten Text über die Romantik, die in einer Satire verhöhnt wurde, wie folgt:

Ich wenigstens möchte daher nicht ohne Aussicht, dadurch nutzen zu können, also bloß des Scherzes halber, von einer Sache sprechen, von der die Ausbildung des deutschen Wortes fast ausschließlich abhängt. Denn wenn man auf den Rock schlägt, so trifft der Hieb auch den Mann, der im Rocke steckt, und wenn man über die poetische Form des deutschen Wortes spöttelt, so läuft auch manches mitunter, wodurch das deutsche Wort selbst verletzt wird. Und dieses Wort ist ja eben unser heiligstes Gut, ein Grenzstein Deutschlands, den kein schlauer Nachbar verrücken kann, ein Freiheitswecker, dem kein fremder Gewaltiger die Zunge lähmen kann, eine Oriflamme in dem Kampfe für das Vaterland, ein Vaterland selbst demjenigen, dem Torheit und Arglist ein Vaterland verweigern.

In seiner Abrechnung mit dem ehemaligen Weggefährten, dem Literaturhistoriker und Schriftsteller Wolfgang Menzel, der aber die Seiten wechselte und das Junge Deutschland denunzierte, was 1835 zu dessen Verbot führte, klagte Heine, der Exilant, dennoch nicht ohne ein Körnchen Ironie:

Aber ach! als ich es endlich im Schreiben so weit gebracht hatte, da ward mir das Schreiben selber verboten. Ihr kennt den Bundestagsbeschluß vom Dezember 1835, wodurch meine ganze Schriftstellerei mit dem Interdikte belegt ward. Ich weinte wie ein Kind! Ich hatte mir so viel Mühe gegeben mit der deutschen Sprache, mit dem Akkusativ und Dativ, ich wußte die Worte so schön aneinanderzureihen, wie Perl an Perl, ich fand schon Vergnügen an dieser Beschäftigung, sie verkürzte mir die langen Winterabende des Exils, ja, wenn ich deutsch schrieb, so konnte ich mir einbilden, ich sei in der Heimat, bei der Mutter … Und nun ward mir das Schreiben verboten!

Beispielhaft für Heines erzählende, humorvoll-sentimentale Prosa und seinen Stil ist sein Fragment Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski (1834), das wahrscheinlich zwischen 1831 und 1833 entstanden ist, nach seiner Emigration nach Frankreich im Mai 1831.

Es war ein süßer, lieber, sonniger Traum. Der Himmel himmelblau und wolkenlos, das Meer meergrün und still. Unabsehbar weite Wasserfläche, und darauf schwamm ein buntgewimpeltes Schiff, und auf dem Verdeck saß ich kosend zu den Füßen Jadvigas. Schwärmerische Liebeslieder, die sich selber auf rosige Papierstreifen geschrieben, las ich ihr vor, heiter seufzend, und sie horchte mit ungläubig hingeneigtem Ohr, und sehnsüchtigem Lächeln, und riß mir zuweilen hastig die Blätter aus der Hand und warf sie ins Meer. Aber die schönen Nixen, mit ihren schneeweißen Busen und Armen, tauchten jedesmal aus dem Wasser empor, und erhaschten die flatternden Lieder der Liebe. Als ich mich über Borde beugte, konnte ich ganz klar bis in die Tiefe des Meeres hinabschaun, und da saßen, wie in einem gesellschaftlichen Kreise, die schönen Nixen, und in ihrer Mitte stand ein junger Nix, der, mit gefühlvoll belebtem Angesicht, meine Liebeslieder deklamierte. Ein stürmischer Beifall erscholl bei jeder Strophe; die grünlockigten Schönen applaudierten so leidenschaftlich, daß Brust und Nacken erröteten, und sie lobten mit einer freudigen, aber doch zugleich mitleidigen Begeisterung: ‚Welche sonderbare Wesen sind diese Menschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! Wie tragisch ihr ganzes Schicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen, und dürfen sie es einmal sagen, so können sie einander doch selten verstehn! Und dabei leben sie nicht ewig wie wir, sie sind sterblich, nur eine kurze Spanne Zeit ist ihnen vergönnt das Glück zu suchen, sie müssen es schnell erhaschen, hastig ans Herz drücken, ehe es entflieht – deshalb sind ihre Liebeslieder auch so zart, so innig, so süß-ängstlich, so verzweiflungsvoll lustig, ein so seltsames Gemisch von Freude und Schmerz. Der Gedanke des Todes wirft seinen melancholischen Schatten über ihre glücklichsten Stunden und tröstet sie lieblich im Unglück. Sie können weinen. Welche Poesie in so einer Menschenträne!

Das Fragment gemahnt ironisch und humorvoll an die Polenreise, die Heine 1822 unternommen und die er in seinen Reisebildern „Über Polen“ sehr treffend beschrieben hatte. Hier eine Kostprobe aus „Über Polen“:

Der polnische Bauer trägt noch seine Nationaltracht: eine Jacke ohne Ärmel, die bis zur Mitte der Schenkel reicht; darüber einen Oberrock mit hellen Schnüren besetzt. Letzterer, gewöhnlich von hellblauer oder grüner Farbe, ist das grobe Original jener feinen Polen-Röcke unserer Elegants. Den Kopf bedeckt ein kleines rundes Hütchen, weißgerändert, oben abgekappter Kegel spitz zulaufend, und vorn mit bunten Bandschleifen oder mit einigen Pfauenfedern geschmückt. In diesem Kostüm sieht man den polnischen Bauer des Sonntags nach der Stadt wandern, um dort ein dreifaches Geschäft zu verrichten: erstens, sich rasieren zu lassen zweitens die Messe zu hören, und drittens, sich vollzusaufen […] Aber die Polen haben es doch im Trinken übermenschlich weit gebracht […] die meisten lassen [das Haar lang herunterwallen. Dadurch haben so viele Bauern die Plica polonica (Weichselzopf), eine sehr anmutige Krankheit […].

Die von Heine auch in diesem Fragment gerne verwendete, oft spöttelnde „Volkscharakteristik“ fremder Charaktere und Mentalitäten diente ihm immer wieder als Folie zur Deutschland- und Deutschenkritik – ob es die Polen, Franzosen oder die deutschen Auswanderer waren. Das tat er z.B. in seiner Abrechnung mit der Schwäbischen Schule und insbesondere mit Wolfgang Menzel in Über den Denunzianten. Denn Menzel verwandelte sich mit der Zeit in einen völkisch orientierten, antisemitisch und aggressiv antifranzösisch gefärbten Nationalisten. Heine nannte ihn nach der Denunziation Gutzkows und des Jungen Deutschland, die auch Folgen für Heines Publikationsmöglichkeiten hatte, eine Memme und einen feigen Teutomanen, da er Gutzkow die Satisfaktion verweigerte.

Die Zeit der Gedichte ist überhaupt bei mir zu Ende, ich kann wahrhaftig kein gutes Gedicht mehr zutage fördern, und die Kleindichter in Schwaben, statt mir zu grollen, sollten sie mich vielmehr brüderlichst in ihre Schule aufnehmen … Das wird auch wohl das Ende des Spaßes sein, daß ich in der schwäbischen Dichterschule, mit Fallhütchen auf dem Kopf, neben den andern auf das kleine Bänkchen zu sitzen komme, und das schöne Wetter besinge, die Frühlingssonne, die Maienwonne, die Gelbveiglein, und die Quetschenbäume. Ich hatte längst eingesehen, daß es mit den Versen nicht mehr recht vorwärts-ging und deshalb verlegte ich mich auf gute Prosa. Da man aber in der Prosa nicht ausreicht mit dem schönen Wetter, Frühlingssonne, Maienwonne, Gelbveiglein und Quetschenbäumen, so mußte ich auch für die neue Form einen neuen Stoff suchen; dadurch geriet ich auf die unglückliche Idee mich mit Ideen zu beschäftigen, und ich dachte nach über die innere Bedeutung der Erscheinun-gen, über die letzten Gründe der Dinge, über die Bestimmung des Menschengeschlechts, über die Mittel wie man die Leute besser und glücklicher machen kann usw.

Heine gilt als Seher. Seine Vorhersagen politischer Umwälzungen werden bis heute zitiert, so aus seinem frühen Drama Almansor (1821), welche sich auf das Wartburgfest von 1817 bezog, bei dem „undeutsche Bücher“ verbrannt wurden:

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Oder (Aus Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 3. Buch):

Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. Und wunderbar! der Mensch, wie der Gott der Bibel, braucht nur seine Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis, die Wasser sondern sich vom Festland, oder gar wilde Bestien kommen zum Vorschein. Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner. […] Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.

Heine erlitt im Mai 1848 einen Zusammenbruch und erholte sich nicht mehr davon. Der früher sich als göttlich empfindende berühmte Dichter musste ein Jahr später seine Hybris revidieren:

Im Wonnemond des vorigen Jahres musste ich mich zu Bette legen, und ich bin seit dem nicht wieder aufgestanden. Unter-dessen will ich es freimütig gestehen, ist eine große Umwandlung mit mir vorgegangen: ich bin kein göttlicher Bipede mehr; ich bin nicht mehr der ‚freieste Deutsche nach Goethe […]; ich bin nicht mehr der große Heide Nr. 2 […]; ich bin kein lebensfreudiger, etwas beleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener herablächelte – ich bin jetzt nur ein armer todkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!

1855, ein Jahr vor seinem Tod, schrieb Heine in seiner „Matratzengruft“ ein Vorwort für das Buch Lutetia, in dem er über die kommenden Bilderstürmer des siegreichen Kommunismus klagte:

»Nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit, wo jene dunklen Ikonoklasten zur Herrschaft gelangen werden – Ach! das sehe ich alles voraus, und eine unsägliche Betrübnis ergreift mich, wenn ich an den Untergang denke, womit meine Gedichte und die ganze alte Weltordnung von dem Kommunismus bedroht ist […] Und dennoch, ich bekenne es mit Freimut, übt eben dieser Kommunismus, so feindlich er all meinen Interessen und meinen Neigungen ist, auf meine Seele einen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann … Gesegnet sei der Krautkrämer, der einst aus meinen Gedichten Tüten verfertigt, worin er Kaffee und Schnupftabak schüttet für die armen alten Mütterchen, die in unserer heutigen Welt der Ungerechtigkeit vielleicht eine solche Labung entbehren mussten – fiat justitia, pereat mundus!«

In diesen letzten Monaten seines Lebens verliebte sich auch der nun gelähmte und bettlägerige homme à femmes in eine junge Schriftstellerin, von ihm „Mouche“ genannt, die ihn verehrte und fast täglich besuchte. Das, womit Heine seit jungen Jahren mit Witz und Ironie immer wieder seine Lyrik charakterisierte, als „der im Honig getauchte Schmerz“, ist in diesem an Mouche gerichteten Gedicht, das zu seinen letzten gehört, deutlich zu sehen:

Worte! Worte! Keine Taten!
Worte! Worte! keine Taten!/Niemals Fleisch, geliebte Puppe,/Immer Geist und keinen Braten,/Keine Knödel in der Suppe!/Doch vielleicht ist dir zuträglich/Nicht die wilde Lendenkraft./Welche galoppieret täglich/Auf dem Roß der Leidenschaft.//Ja, ich fürchte fast, es riebe/Zartes Kind, dich endlich auf/Jene wilde Jagd der Liebe,/Amors Steeple-chase-Wettlauf.//Viel gesünder, glaub ich schier/Ist für dich ein kranker Mann/Als Liebhaber, der gleich mir/Kaum ein Glied bewegen kann.//Deshalb unsrem Herzensbunde,/Liebste, widme deine Triebe;/Solches ist dir sehr gesund,/Eine Art Gesundheitsliebe.// (Nachgelesene Gedichte 1845-1856)

Heine hatte zu Lebzeiten nicht nur Bewunderer, sondern auch viele Feinde und auch noch manche Nachgeborene sparten nicht mit Häme, zu denen Karl Kraus, der österreichische Publizist (1874-1936) gehörte, der urteilte:

Heine hätte die poetische Sprache entzaubert und hat der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass heute alle Kommis and ihren Brüsten fingern können.

Dagegen ist Heines folgendes, sehr ergreifendes Bekenntnis zur deutschen Sprache zu setzen, die er, seit 1831, nunmehr 2 Jahren, als heimatloser Emigrant in Paris, dem das Vaterland und die Muttersprache genommen wurden, plötzlich auf einer französischen Landstraße vernahm und welche seine Kritiker und Verleumder allesamt Lügen strafen:

[…] ohne zu wissen wie, befand ich mich plötzlich auf der Straße von Havre, und vor mir her zogen, hoch und langsam, mehrere große Bauernwagen, bepackt mit allerlei ärmlichen Kisten und Kasten, altfränkischem Hausgeräte, Weibern und Kindern. Nebenher gingen die Männer, und nicht gering war meine Überraschung, als ich sie sprechen hörte – sie sprachen Deutsch, in schwäbischer Mundart. Leicht begriff ich, dass diese Leute Auswanderer waren, und als ich sie näher betrachtete, durchzuckte mich ein jähes Gefühl, wie ich es noch nie in meinem Leben empfunden, alles Blut stieg mir plötzlich in die Herzkammern und klopfte gegen die Rippen als müsse es heraus aus der Brust […] und der Atem stockte mir in der Kehle. Ja, es war das Vaterland selbst das mir begegnete, auf jenen Wagen saß das blonde Deutschland, mit seinen ernstblauen Augen, seinen traulichen, allzubedächtigen Gesichtern, in den Mundwinkeln noch jene kümmerliche Beschränktheit, über die ich mich einst so sehr gelangweilt und geärgert, die mich aber jetzt gar wehmütig rührte […] so war doch all dergleichen Erinnerung in meiner Seele erloschen, als ich das Vaterland in Elend erblickte, im Elend; selbst seine Gebrechen waren mir plötzlich teuer und wert, selbst mit seinen Krähwinkeleien war ich ausgesöhnt, und ich drückte ihm die Hand, ich drückte die Hand jener deutschen Auswanderer, als gäbe ich dem Vaterland selber den Handschlag seines erneuten Bündnisses der Liebe, und wir sprachen Deutsch […]“ Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume und erst im Gefängnisse fühlt man den Wert der Freiheit. So beginnt die deutsche Vaterlandsliebe erst an der deutschen Grenze, vornehmlich aber beim Anblick deutschen Unglücks in der Fremde […] O, ich habe es nie gewußt, daß ich mein Land so liebe!

Fotos der Veranstaltung

Gruppenleiter

Prof. Dr. Jürgen Doeblin

ag-sprachkultur@vds-ev.de

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